German Humour und seine Abgründe: Der Eulenspiegel Flying Circus 2021 im Deutschen Museum

Vom 21. Mai bis zum 30. September veranstaltet der Eulenspiegel Flying Circus gemeinsam mit dem Lustspielhaus, dem Deutschen Museum und Bayern 2 eine allabendliche Konzertreihe im Innenhof des Museums.[1] Dabei treten neben vielen Prominenten des deutschsprachigen Kabaretts auch zahlreiche Geheimtipps und Lokalgrößen auf. Eine gute Nachricht vorweg: Lisa Fitz ist nicht dabei. Dafür finden sich in diesem Programm einige (männliche) Gestalten, die dem Publikum eher das Gruseln als das Lachen lehren dürften. Um diese soll es in diesem Artikel gehen.

Dabei ist vorauszuschicken, dass es in der kritischen Auseinandersetzung mit dem Kabarett zwei Probleme gibt. Erstens ist die Arbeit mit dem Stilmittel der Ironie immanenter Bestandteil dieser Kunst. Das Problem ist hierbei jedoch nicht, dass sich das eigentlich Gemeinte nicht dechiffrieren ließe; im Gegenteil ist das deutsche Kabarett der Gegenwart häufig derart unterkomplex, dass dazu eine simple Textanalyse ausreicht. Vielmehr bereitet es Schwierigkeiten, dass sich manche Vollzeitscherzkekse der Kritik mit Verweis auf vermeintliche Ironie zu entziehen versuchen. … War ja nur ein Witz … Hab’s doch ganz anders gemeint und ihr Trottel checkt das nicht … Und so weiter … Davon sollte man sich nicht beirren lassen. Auch Ironie ist ein Stilmittel wie jedes andere auch, lässt sich aus dem Kontext begreifen und entsprechend einordnen. Letztlich zählt hier wie sonst auch das bessere Argument.

Das zweite Problem ist, dass sich unüberschaubar viele Kabarettist*innen in den letzten Jahren und Jahrzehnten stolz als „Querdenker*innen“ bezeichnet haben oder als welche bezeichnet worden sind. In Zeiten wie diesen hat das unsere Recherche etwas verkompliziert … 

König der Kiffer: Hans Söllner

Vielleicht nicht der bekannteste Künstler, aber jener, der im Vorfeld die massivste Kritik wegen seines Auftritts beim Circus auf sich gezogen hat, ist Hans Söllner. Bereits am 20. April gab es einen kritischen Post der Initiative „Königlich Bayerische Antifa“ (KBA) in Richtung des Lustspielhauses mit der Frage, was das solle.[2] Auch in der Kommentarspalte des Lustspielhauses artikulierte sich Kritik, die der Veranstalter mit gewohnter Ignoranz abtat. Oder um es in dessen eigenen Worten auszudrücken: „Söllner hat letztes Jahr auch gespielt, sowohl Künstler als auch Publikum haben Hygienebestimmungen eingehalten. Er hat mal Mist geteilt, ist aber weder Reichsbürger noch AFD nah. Und streitbar ist er. Das wissen wir.“[3] Diese Form der Gleichgültigkeit kennen wir als Linkes Bündnis gegen Antisemitismus vom Lustspielhaus seit unseren vergeblichen Versuchen, es auf die verschwörungsideologische Agitation von Fitz hinzuweisen. Leider verschwinden Probleme jedoch nicht, indem man sie ignoriert. Und Söllner ist ein großes Problem.

Im Wesentlichen hat die KBA, die sich seit Pandemie-Beginn mit Söllner befasst, alles Wesentliche zu ihm gesagt, so dass wir das nur wiederholen müssen. Der Lederhosenrastafari, der seit 2017 offen als Impfgegner auftritt, bestreitet die Gefährlichkeit des Corona-Virus, artikuliert unverhohlen seine Unterstützung für die antisemitische und rechtsoffene Querdenken-Bewegung, teilte in der Vergangenheit Inhalte der AfD[4] und vergleicht die Bundesregierung aufgrund ihrer Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie mit dem Nationalsozialismus. Als Konsequenz gibt es Beifall von rechtsaußen und die Distanzierung seines linksorientierten Labels Trikont.[5] Das Lustspielhaus ist allerdings derart begeistert von ihm, dass es ihn sogar für ganze zwei Termine beim Circus gebucht hat.

Er war schon Wutbürger, bevor es cool war: Roland Düringer und #allesdichtmachen

Dabei ist Söllner längst nicht der einzige „Ausrutscher“ des Eulenspiegel Flying Circus. Von vergleichbarer Peinlichkeit ist Roland Düringer, österreichischer Kabarettist, der seit seiner vielbeachteten „Wutbürgerrede“ 2011 ein überzeugter – nun ja – Wutbürger ist. Seitdem bewirbt er die „Philosophie“ der rechtslibertären Ökonomen Rahim Taghizadegan und Eugen Maria Schulak[6] und unterhält auch selbst Verbindungen zur neurechten Szene, wie seine Artikel für bzw. seine Rezeption bei der einschlägigen Szenezeitschrift „eigentümlich frei“ beweisen.[7] Gegenwärtig tritt er auf Querdenken-Demos auf, wo er den Verlust an Freiheit beklagt[8], und unterstützt die Schwurbel-Kampagne #allesdichtmachen mit einem eigenen Video, in dem er – über das Stilmittel der Ironie leicht dechiffrierbar – die Opfer der Pandemie verhöhnt und die Gefahr des Virus völlig infrage stellt[9]. Wir sind uns noch unsicher, ob wir ihn – ironisch natürlich – als rechten Demagogen bezeichnen sollen oder nicht …

Was genau war nochmal #allesdichtmachen? Eine Kampagne von 51 Schauspieler*innen, die Ende April veröffentlicht wurde und sich in Form parodistischer Videos über Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie echauffierte und dabei deren Opfer verhöhnte. Zustimmung gab es von der AfD und Sahra Wagenknecht. Initiatoren waren der Regisseur Dietrich Brüggemann und die  Schauspieler Jan Josef Liefers sowie Volker Bruch; letzterer möchte der Partei „Die Basis“ beitreten, die aus der Querdenken-Bewegung hervorgegangen ist.[10] Die von Anfang an vermuteten Verbindungen der Kampagne zur verschwörungsideologischen Szene dürfen damit als gesichert gelten.

Der mit den Puppen spielt: Michael Hatzius

Apropos #allesdichtmachen: Manuel Rubey ist auch auf dem Circus angekündigt und hatte zu der Kampagne ein Video beigesteuert – sich aber immerhin distanziert.[11] Um eine dezidierte Annäherung bemühte sich demgegenüber der Puppenspieler Michael Hatzius. In einem Video lässt er eine Karottenpuppe sprechen, die einen Kritiker von #allesdichtmachen parodieren soll. Vielsagend postete er es auf Facebook mit dem Kommentar: „Ich distanziere mich von der Möhre.“[12] Er distanziert sich von der Kritik an der Kampagne der Schwurbelschauspieler – und macht sich damit mit ihr gemein. Die Reaktionen in der Kommentarspalte sprechen eine eindeutige Sprache: Allesamt Fans von #allesdichtmachen, die die Stoßrichtung von Hatzius verstanden haben und deren Kommentare auch unwidersprochen stehen gelassen wurden.

Ansonsten tritt er – auch im öffentlich-rechtlichen Fernsehen wie dem WDR – mit einer Echsenpuppe auf, durch die er seinem reaktionären Weltbild freien Lauf lässt: Der Virus sei möglicherweise von China gezüchtet worden; der Mund-Nasen-Schutz sei ein „Söder-Knebel“; das Grundgesetz werde von der Regierung als Klopapier missbraucht; die Polizei setze die Maßnahmen viel zu rigoros durch und hätte die Justiz außer Kraft gesetzt; andere Ärzte als Christian Drosten würden gar nicht mehr gehört; die hohen Infektionszahlen seien manipuliert; die Impfstoffe seien gefährlich und gegen den Virus unbrauchbar; die wahren Opfer der Krise wären die Kulturschaffenden und das Hotelgewerbe; die „Verschwörungstheoretiker“ hätten insgeheim recht; hinter allem stecke die Pharmaindustrie, die von Jens Spahn einen Blowjob erhielte (wodurch auch Homophobie ins Programm integriert wird). Auch die Verhöhnung der Opfer der Pandemie („Bilder aus Bergamo“, „Spätfolgen“, „die Omi“) dürfen in seinem Programm nicht fehlen.[13] Immerhin thematisiert er auch die problematische Situation, in der Flüchtlinge derzeit stecken, woraus zwei Schlüsse zu ziehen sind: dass nicht nur ausgemachte Neurechte wie Düringer reaktionären, verschwörungsideologischen und menschenverachtenden Vorstellungen anhängen können, sondern auch Menschen aus dem linksalternativen/linksliberalen Milieu; und dass die Echsenfigur, die er spielt, nicht ohne weiteres von der Person Hatzius zu trennen ist, sie vielmehr als Ventil für ihn dient, um sein Weltbild ungefiltert nach außen zu tragen und um sich potentiell je nach Bedarf auf progressive/humanistische Elemente stützen und die reaktionären Inhalte als Ironie verkaufen zu können. 

Der geistige Sohn des Franz Josef Strauß: Helmut Schleich

Obwohl Hatzius anzumerken ist, dass er mit demonstrativer political uncorrectness eine Kontroverse um sein Schaffen geradezu krampfhaft herbeisehnt, blieb er bislang doch unbeachtet. Anders steht es um Helmut Schleich, der seit 2011 im Bayerischen Fernsehen eine eigene Sendung mit dem Titel „SchleichFernsehen“ unterhält und in dem Kontext – wohl unbeabsichtigt – eine Blackfacing-Debatte ausgelöst hat. Eine seiner Figuren ist der Afrobayer Maxwell Strauß, ein fiktiver Sohn von Franz Josef Strauß, den er mit schwarz geschminktem Gesicht darzustellen pflegte. Nach massiver Kritik zog der BR die Konsequenz und nahm die Figur aus dem Programm.[14] Schleich selbst zeigte sich weiterhin uneinsichtig und teilte in einem Interview mit dem Münchner Merkur vom 15. März 2021 gegen political correctness und die Genderdebatte aus, verteidigte explizit rassistische Witze („Über einen rassistischen Witz darf man nicht lachen – aber man muss.“) und solidarisierte sich folgrichtig mit Dieter Nuhr[15], der mit Rassismus, Klimawandelleugnung und ähnlichem wutbürgerlichem Geraune immer wieder Schlagzeilen macht[16].

Einer Kontroverse um seine Perspektiven auf die Pandemie entging er aber wie alle anderen Berufsspaßkanonen auch. Dabei hat er nicht nur Rassismus und Antifeminismus in petto. Im eben erwähnten Interview mit dem Merkur sagt er: „Wir müssen doch auch mal querschießen. Querdenken… […] Darf ich daran erinnern, dass der große Karl Valentin als Querdenker bezeichnet wurde, als das noch eine Auszeichnung war? Querdenken ist ja die ureigenste Aufgabe des Kabaretts. Mit den sogenannten Querdenkern haben wir nichts zu tun. Aber […].“ Das „aber“ deutet schon an, dass man diese Distanzierung von den Corona-Rebell*innen nicht allzu ernst nehmen sollte. Es folgt ein Gejammere über seine Blackfacing-Kontroverse, ehe er den Schluss zieht: „Und jeder, der sich falsch – und damit meine ich auch formal falsch – ausdrückt, bekommt den Stempel ‚Nazi‘ oder zumindest ‚Steigbügelhalter‘.“ Wenige Sätze später spannt er dann den Bogen zurück zu Querdenken: „Wenn sich dann aber Künstler zum verlängerten Arm der Regierung machen, indem sie sich über die Kritik an der Regierung lustig machen, dann finde ich das sehr bedenklich. Wer Corona-Maßnahmen infrage stellt, ist noch kein Corona-Leugner, genauso wie jemand, der die EU kritisch sieht, noch kein Europagegner ist.“ Damit drückt er vorsichtig seine Sympathien für die Querdenken-Bewegung aus, die er als legitime Regierungskritik präsentiert, verhöhnt antifaschistische Initiativen als Exponent*innen der Bundesregierung und tut nachgerade so, als gäbe es keine Kampagnen wie ZeroCovid, denen es gelingt, Kritik an den Maßnahmen der Bundesregierung zu üben, ohne reaktionär und antisemitisch zu werden. Freilich bleibt die Sympathiebekundung Schleichs nur implizit, um sich vor Kritik zu schützen – doch lassen seine Ausführungen kaum einen anderen Schluss zu. Mit seiner formalen Distanzierung verfolgt er die Intention, sich jeglichen Verbindungen mit den Schwurbler*innen zu entziehen, nur um zugleich ihre Inhalte in einer großen bayerischen Tageszeitung zu verbreiten. Zu dieser Sichtweise auf Pandemie und Regierungsmaßnahmen passt auch, dass er im Januar eine Klage gegen die FFP2-Maskenpflicht eingereicht hat.[17] Schleich ist mithin ähnlich wie Düringer als Aktivist einzuschätzen und nicht unbedingt als Künstler, der auf einer Bühne Figuren und Charaktere ausstellt.

Seine Vorstellungen lässt er aber auch in sein Programm einfließen. In einer Folge „SchleichFernsehen“ spielt er in einer Doppelrolle sich selbst und SPD-Gesundheitsexperten Karl Lauterbach, die er einen Dialog um Intensivbetten führen lässt. Sich selbst inszeniert er dabei als Stimme der Vernunft, Lauterbach als hysterischen Spinner. Die Folge stammt vom 24. November, als die zweite Welle bereits in vollem Gange war. Dennoch bestreitet er (in seiner Rolle als er selbst) die Überlastung des Gesundheitssystems und unterstellt darüber hinaus dem Gesundheitsexperten, Kontrollen in Privatwohnungen zu fordern und damit ein System ähnlich dem der DDR zu forcieren. Damit bläst Schleich ins gleiche Horn wie die AfD, die deswegen einen Shitstorm gegen Lauterbach mittrug, und ignoriert mutwillig die Richtigstellung eines aus dem Kontext gerissenen Zitats des Sozialdemokraten (die bereits vom 28. Oktober stammt).[18] In AfD-Kreisen gilt die DDR zudem ohnehin als das dystopische Modell schlechthin, das angesichts der Pandemiemaßnahmen an die Wand gemalt wird.[19]

Je weiter der Sketch voranschreitet, desto doppelbödiger und wirrer wird er. Seine Lauterbach-Parodie zitiert an einer Stelle ablehnend die Corona-Verharmloserin Angela Spelsberg: „Corona ist gar nicht so gefährlich, weil es gar nicht so viele Kranke gibt.“ In dem Kontext wirkt dieses Zitat wie eine doppelte Verneinung: Dadurch, dass Lauterbach im gesamten Beitrag zur Lachnummer stilisiert wird, wird alles, was er kritisiert, bejaht. Schleich präsentiert die realitätsferne Auffassung Spelsbergs, dass das Virus ungefährlich sei und es nur niedrige Fallzahlen gäbe, folglich als Faktum.

Etwas ratlos lassen uns folgende Sätze zurück, die Schleich seinen Lauterbach sprechen lässt: „Da muss man jetzt was tun, nicht? Darum war ich auch, Herr Schleich, bei Ihnen in München bei Intensivbetten[unverständlich], nicht? Die haben gesagt, die haben noch ein paar Intensivbetten im Lager. Tja, aber das kann ja wohl nicht sein, dass wir jetzt die Menschen in Deutschland wieder ins Lager schicken müssen, nur dass sie an Intensivbetten rankommen.“[20] Die Anspielung auf die nationalsozialistischen Konzentrationslager ist unübersehbar, aber was genau will Schleich uns damit sagen? Handelt es sich um eine NS-Relativierung? Wird hier etwa suggeriert, dass Lauterbach und die anderen Marionetten des Corona-Regimes drauf und dran sind, KZs zu errichten? Man sieht die Ironie vor lauter Metaebenen nicht mehr …

Willy Astor mag’s dreckig

Wie Söllner ist auch Schleich für ganze zwei Termine gebucht. Gleiches gilt für Willy Astor, der auch zum Wutbürgern neigt. Bereits im Februar veröffentlichte er ein Video, in dem er ironisch den Lockdown feiert[21], und bildete damit gewissermaßen eine Avantgarde zu #allesdichtmachen. Dabei spricht er von der „totalen Kontrolle“ und behauptet ironisch: „Ich glaub, diese Freiheit wird auch komplett überbewertet.“ In verschiedenen Songs vergleicht er – vermutlich halbironisch oder postironisch – die Pandemiesituation mit Nordkorea[22] oder polemisiert gegen Menschen, die auf Hygiene achten: „Ich bin die Jacqueline / und ich habe es gerne clean, / ich bin mega-antiseptisch eingestellt. / Ich wasche mit Geduld / meine Hände in Unschuld, / bin die sauberste Frau von der Welt. / Ich bin extrem / auf Hygien‘. / Steril, steril Lady. / Ich wasche schon heute / jeden noch so gut versteckten Keim auf meiner Haut.“[23] In seinen Clips und Songs macht Astor jedenfalls keinen Hehl aus seiner schieren Verachtung für jegliche Hygienemaßnahmen, die der Eindämmung der Pandemie dienen sollen. Damit begibt er sich inhaltlich auch in die Nähe der Querdenken-Bewegung. Über diese macht er sich auch nirgends lustig.

Den zitierten Song führte er übrigens in der Sendung „Ringlstetter“ im Bayerischen Fernsehen auf, unter großem Applaus der übrigen Gäste und des Moderators – Hannes Ringlstetter – selbst, der übrigens für ganze sieben Abende beim Eulenspiegel Flying Circus gebucht ist. Ebenfalls eine eigene Sendung im Bayerischen Fernsehen hat Max Uthoff, der an drei Abenden auftreten soll. Zwar hat sich seine Sendung „Die Anstalt“ gegen Verschwörungstheorien positioniert[24], doch empfiehlt er auf seiner Homepage nach wie vor die NachDenkSeiten[25], die auch Querdenken-Agitatoren wie Christian Reiß auf ihrer Seite zu Wort kommen lässt oder sich demonstrativ mit #allesdichtmachen solidarisiert[26]. 

Was darf die Satire?

Mehrfach haben wir hier auf die Fallen hingewiesen, die Künstler vom Schlage Düringer oder Schleich aufstellen, um sich gegen Kritik zu immunisieren: Man nehme einen reaktionären Inhalt, lege einige Schichten Ironie darauf und verweise auf diese, als wäre die eigentliche Aussage gar nicht getätigt worden. Es ist davon auszugehen, dass die hier aufgeführten Witzfiguren sich auf derartige Strategien verlegen werden, wenn man sie mit Kritik konfrontiert. Beliebt ist außerdem der Slogan: „Die Satire darf alles.“ Dieser wird immer wieder bemüht, um sich vor Widerrede abzuschirmen. Dabei geht es gar nicht darum, was man darf oder nicht. Wenn die Satire alles darf – dann darf sie auch kritisiert werden. Doch schwerer wiegt die Tatsache, dass sich die wenigsten mit dem Kontext dieses Satzes ernsthaft befasst haben. Weitläufig bekannt ist, dass er dem Humoristen Kurt Tucholsky zugeschrieben wird. Dieser verfasste 1919 direkt nach dem Ersten Weltkrieg das Essay „Was darf die Satire?“, das mit dem Wort „Alles“ endet. Dabei macht er in seinem flammenden Plädoyer für beißenden Humor mit progressivem Anspruch selbst eine Einschränkung: „Wir sollten gewiß nicht den scheußlichen unter den französischen Kriegskarikaturen nacheifern […].“[27] Darf die Satire also doch nicht alles? Vielleicht schon, allerdings sie ist zu reflektieren. Nicht alles, was am Stammtisch gegröhlt wird, ist eine Satire. Eine scheußliche Kriegskarikatur ist auch keine. Und all der reaktionäre, menschenverachtende und egomanische Mist, den die ganzen Söllners und Düringers verbreiten, ist es am wenigsten. Wir sollten ihnen folglich nicht nacheifern …

Der Vorhang fällt

Unsere kleine Tragikomödie liefert Belege für die Nähe verschiedener Kabarettisten, die am Eulenspiegel Flying Circus auftreten werden, zu verschwörungsideologischen, rechtsoffenen und möglicherweise antisemitischen Positionen. Dabei wollen wir erneut betonen, dass es nur eine Minderheit derer betrifft, die geladen sind. Der Großteil hält sich mit Aussagen zu Querdenken oder zu den Regierungsmaßnahmen schlichtweg zurück oder thematisiert nur die Situation selbstständiger Künstler*innen, die trotz finanzieller Ausfälle aufgrund mangelnder Auftrittmöglichkeiten von der Bundsregierung hängen gelassen worden sind. Manche gehen darüber hinaus und beziehen ausdrücklich Stellung gegen Corona-Rebell*innen, plädieren für eine Besteuerung der Reichen zur Finanzierung der Krise oder verweisen auf die desaströse Situation von Flüchtlingen an den EU-Außengrenzen (wie im Flüchtlingslager Moria). Das sind insbesondere Banda Internationale, Bernadette La Hengst, Hazel Brugger, Michael Buchinger, Christian Ehring, Rainald Grebe, Günter Grünwald, Josef Hader, Eckart von Hirschhausen, Wolfgang Krebs, Maren Kroymann, Willy Michl, Sebastian Pufpaff, Patrick Salmen, die Sciencebusters, Christian Springer und Torsten Sträter, denen wir an der Stelle unseren Respekt für ihr Engagement zollen möchten.

Ihnen stehen die oben genannten Gestalten gegenüber. Dass das Lustspielhaus sie einlädt, wundert uns nicht – hat es in der Vergangenheit doch auch Lisa Fitz auf unsere Kritik immer in Schutz genommen. Stattdessen erwies es sich als eine Art Backstage für Witzbolde, getreu dem Motto: Ein linksalternatives Image pflegen und dabei auf ein möglichst breites Publikum schielen. Und welches Publikum könnte breiter sein als eines, das die sich kritisch dünkende Akademikerin ebenso anspricht wie den Hippie, die Stammtischpöblerin oder den offenen Nazi? Tragisch allerdings ist es, dass das ganze Theater ausgerechnet im Innenhof des Deutschen Museums stattfinden wird. Kaum eine Institution steht in München mehr für Aufklärung und Wissenschaft, die beide von der Querdenken-Bewegung und ihren Blödel-Exponent*innen auf der Kleinkunstbühne mit Füßen getreten werden.

Wir hoffen, Sie hatten bei der Lektüre dieses Textes mehr Spaß als wir bei der Recherche. Als Trost bleibt uns wenigstens die Aussicht, von den hier Erwähnten nicht auf Unterlassung verklagt zu werden. Immerhin sind sie wegen des Lockdowns ja alle pleite.

[1] https://eulenspiegel-flying-circus.de/, zuletzt aufgerufen am 06.05.2021.

[2] https://www.facebook.com/koeniglichbayerischeantifa/posts/2193137040824086, zuletzt aufgerufen am 06.05.2021.

[3] https://www.facebook.com/Lustspielhaus/posts/10164881362285253, zuletzt aufgerufen am 06.05.2021.

[4] https://alerta.blog/de/kba/offener-brief-an-hans-soellner-willst-du-uns-eigentlich-verarschen/, zuletzt aufgerufen am 06.05.2021.

[5] https://www.facebook.com/koeniglichbayerischeantifa/posts/2196145023856621https://www.tagesspiegel.de/kultur/musiker-hans-soellner-verbreitet-gefaehrliche-theorien-warum-ein-linker-von-rechten-gefeiert-wird/25869540.html, jeweils zuletzt aufgerufen am 06.05.2021.

[6] https://www.derstandard.at/story/1323222819289/roland-dueringer-macht-als-wutbuerger-die-runde-im-social-web, zuletzt aufgerufen am 06.05.2021.

[7] https://ef-magazin.de/2017/06/07/11127-demokratische-abstimmung-lohnt-es-sich-zur-wahl-zu-gehen–teil-2https://ef-magazin.de/2016/06/29/9338-rezension-ueber-die-erziehung, jeweils zuletzt aufgerufen am 06.05.2021.

[8] https://exxpress.at/dueringer-spricht-bei-corona-demonstration-ueber-freiheit/, zuletzt aufgerufen am 06.05.2021.

[9] https://www.youtube.com/watch?v=EFb1RqRy9yQ, zuletzt aufgerufen am 06.05.2021.

[10] https://de.wikipedia.org/wiki/Allesdichtmachenhttps://www.tagesspiegel.de/kultur/wer-steckt-hinter-allesdichtmachen-eine-spur-fuehrt-ins-querdenker-milieu/27140704.htmlhttps://www.tagesspiegel.de/politik/allesdichtmachen-volker-bruch-hat-mitgliedsantrag-bei-querdenker-partei-gestellt/27156094.htmlhttps://www.volksverpetzer.de/aufklarer/brueggemann-allesdichtmachen/, jeweils zuletzt aufgerufen am 06.05.2021.

[11] https://www.derstandard.de/story/2000126265452/manuel-rubey-ueber-allesdichtmachen-ein-kafkaesker-albtraum, zuletzt aufgerufen am 06.05.2021.

[12] https://www.facebook.com/michaelhatzius/posts/296292448735045, zuletzt aufgerufen am 06.05.2021.

[13] https://www.rbb24.de/kultur/beitrag/2020/07/michael-hatzius-kabarettist-die-echse-ufa-fabrik-sommerbuehne.htmlhttps://www.facebook.com/watch/?v=350402582939062, jeweils zuletzt aufgerufen am 06.05.2021.

[14] https://de.wikipedia.org/wiki/Helmut_Schleich, zuletzt aufgerufen am 06.05.2021.

[15] https://www.merkur.de/bayern/monika-gruber-helmut-schleich-interview-bayern-kabarettisten-kult-corona-social-media-zr-90240382.html, zuletzt aufgerufen am 06.05.2021.

[16] https://de.wikipedia.org/wiki/Dieter_Nuhr#Rezeption, zuletzt aufgerufen am 06.05.2021.

[17] https://www.abendzeitung-muenchen.de/bayern/helmut-schleich-strengt-erste-klage-gegen-ffp2-maskenpflicht-an-art-699961, zuletzt aufgerufen am 06.05.2021.

[18] https://www.zdf.de/nachrichten/politik/lauterbach-corona-wohnungskontrolle-shitstorm-100.html, zuletzt aufgerufen am 06.05.2021.

[19] https://lbga-muenchen.org/2020/11/06/die-afd-der-parlamentarische-arm-der-corona-rebellinnen-die-situation-in-munchen/, zuletzt aufgerufen am 06.05.2021.

[20] https://www.youtube.com/watch?v=_qAiyfA0qPU, zuletzt aufgerufen am 06.05.2021.

[21] https://www.youtube.com/watch?v=xXgask1z6ZI, zuletzt aufgerufen am 06.05.2021.

[22] https://www.youtube.com/watch?v=g_dNiDJ2TGw, zuletzt aufgerufen am 06.05.2021.

[23] https://www.youtube.com/watch?v=wxBO_YfKlvQ, zuletzt aufgerufen am 06.05.2021.

[24] https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/medien/neues-aus-der-anstalt-den-mund-halten-nur-die-die-wirklich-was-wissen-/25882702.html, zuletzt aufgerufen am 06.05.2021.

[25] https://www.maxuthoff.de/max-uthoff, zuletzt aufgerufen am 06.05.2021.

[26] s. verschiedene Artikel hier: https://www.nachdenkseiten.de/?tag=virenerkrankung, zuletzt aufgerufen am 06.05.2021.

[27] https://de.wikisource.org/wiki/Was_darf_die_Satire%3F_(Tucholsky), zuletzt aufgerufen am 06.05.2021.

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