Die Münchner Corona-Rebell*innen und der Ruck nach rechts: Das „Zur Freiheit“ Festival am 25. Juli

Am 25. Juli planen die Münchner Corona-Rebell*innen auf der Theresienwiese ein Festival mit dem Slogan „Zur Freiheit“. Ursprünglich auf den Namen „Freedom Jam“ getauft, hat die Liste der angekündigten Acts und Redner bereits eine Rochade hinter sich und mit den beiden rechtsextremen Rappern Ukvali und Beatus die umstrittensten Personen wieder ausgeladen. Warum das Festival dennoch als Ausdruck einer zunehmenden Radikalisierung der Corona-Rebell*innen nach rechts zu bewerten ist, versucht der folgende Artikel nachvollziehbar zu machen.

 

Der ursprüngliche Plan: Ein Festival mit Ukvali und Beatus

Schon seit einiger Zeit kursiert ein Flyer, der ein Festival mit dem Namen „Freedom Jam“ für den 25. Juli ankündigt und von den Rappern Beatus und Ukvali als Headliner geziert wird.[1] Gerade Ukvali verfügt über beste Beziehungen in die rechtsextreme Szene: Nicht allein dass er bereits mit Chris Ares musikalisch kollaboriert hat[2], der sonst Gestalten aus der AfD und der Identitären Bewegung zu seinem Freundeskreis zählt und sogar vom bayerischen Verfassungsschutz als Rechtsextremist eingestuft wurde[3]; darüber hinaus vertreibt er seine CDs und T-Shirts stolz über das Arcadi Magazin.[4] Dieser verkauft auch Bücher aus den rechtsextremen und geschichtsrevisionistischen Verlagen Antaios, Ares und Lesen & Schenken (des Aktivisten Dietmar Munier) – und die Musik von Chris Ares.[5] Zu diesen einschlägigen Verbindungen passt auch das antisemitische Weltbild, das Ukvali in seinen Tracks verbreitet. Es werden nicht nur diverse Verschwörungstheorien zur NWO (Neue Weltordnung), den Freimaurern, Illuminaten, Bilderberger und Satan reproduziert, sondern auch gegen die jüdische Bankiersfamilie der Rothschilds gehetzt.[6]

In seinem Track „Killuminati 3.0“ findet sich zudem folgende Zeile: „Jetzt mal im ernst, ich kenn die deutsche Geschichte / Nationalisten wollten einst, den Teufel vernichten.“ Aus dem Kontext des Tracks geht hervor, dass mit dem Teufel die jüdische Bevölkerung, mit dem Vernichtungsversuch die Shoa gemeint sind. Die Zeilen davor beschäftigen sich mit dem Nahostkonflikt, wobei das ganze Register an antizionistischen Ressentiments gezogen wird. Nicht zufällig beginnt der Track mit den Zeilen: „Killuminati, nieder mit Ihnen / Fick die NWO, ich schrei, Free Palestine!“ Damit ist die inhaltliche Stoßrichtung der Lyrics vorgegeben. Nach der Zeile, in der auf die Shoa rekurriert wird, knüpft sich Ukvali die Rothschilds vor – ehe er vermeintlich versöhnlich den Track ausklingen lässt: „Ob Buddhist oder Christ, wir sind alle gleich / Hindu oder Moslem, ganz egal, ob schwarz und weiß.“[7] Wer in der Aufzählung der Weltreligionen fehlt: Die Jüdinnen*Juden. In der oben zitierten Zeile wird folglich nicht nur der Teufel mit der jüdischen Bevölkerung identifiziert, sondern die Shoa, also der Wunsch der „Nationalisten“, mit denen die Nazis gemeint sein dürften, sie zu „vernichten“, ausdrücklich legimitiert: Es ging ihnen laut Ukvali ja darum, das Böse schlechthin aus der Welt zu treiben. Damit offenbart er ein Weltbild, das selbst all jene Rechtsexteme in den Schatten stellt, die die Shoa für gewöhnlich zu leugnen pflegen. Denn er bestreitet den singulären Genozid an den europäischen Jüdinnen*Juden nicht, sondern befürwortet ihn.

Beatus (bürgerlich Daniel Engelhardt[8])schlägt in eine ganz ähnliche Kerbe, hat bereits ein Duett mit Ukvali angestimmt[9], sich an Chris Ares angebiedert[10] und nicht zuletzt die obligatorischen Tracks gegen das Triptychon aller Antisemit*innen (Rothschild, Rockefeller und Soros) verfasst[11]. Im Gegensatz zu Ukvali scheint Beatus allerdings aus einer eher linken Ecke zu kommen und hat sich 2015 noch gegen Pegida ausgesprochen und als Sympathisant der Antifaschistischen Aktion geoutet.[12] Während man Ukvali folglich problemlos als gestandenen Rechtsradikalen bezeichnen kann, ist Beatus das Beispiel eines sich progressiv Dünkenden, der im Laufe der Zeit – und wohl durch die Corona-Krise katalysiert – in den rechten Sumpf geraten und in ihm versunken ist.

 

Rechte Prominenz: Thorsten Schulte

Auch nach der Ausladung der beiden Aluhutbarden bleibt die Veranstaltung ihrem rechtsextremen Charakter treu. Dafür sorgt schon die Ankündigung Thorsten Schultes, der auch auf einem zweiten, aktualisierten Flyer aufgeführt wird.[14] Schulte ist bekannt dafür, bei Veranstaltungen der AfD und PEGIDA aufzutrumpfen, sich von RT interviewen zu lassen und Bücher beim Kopp-Verlag zu veröffentlichen[15], der sonst jeden noch so abseitigen verschwörungsideologischen und revisionistischen Abgrund an die Oberfläche befördert[16]. Am 25. Juni hat er zudem ein gemeinsames Video mit Chris Ares aufgenommen, tritt damit in die Fußstapfen Ukvalis.[17 Er selbst kritisiert Angela Merkels Flüchtlingspolitik von rechts, raunt vom Versuch verschworener Eliten, eine Weltregierung zu errichten, nennt dabei als Beispiel den jüdisch-amerikanischen Milliardär George Soros, ruft ausdrücklich zu einer gemeinsamen Querfront von Linken und Rechten auf[17] – und sieht sich selbst als Opfer von Zensur und Unterdrückung. Gefeiert wurden seine Bücher von einschlägigen rechtsextremen Medien wie PI-News, Compact oder der Jungen Freiheit. Auch sich selbst als links verordnende Blogs wie die NachDenkSeiten rezensierten ihn positiv.[18][17]

Angesichts dessen, dass die Münchner Corona-Rebell*innen erstmals drauf und dran sind, offen Rechtsradikalen wie Ukvali und Schulte eine Bühne zu bieten, ist von einer Radikalisierung der Bewegung zu sprechen. Daran ändert auch die Ausladung des Rappers nichts, da allein der Plan, ihn auf die Bühne zu stellen, in der Geschichte ihrer Agitation ein Novum darstellt – und mit Schulte an einem anderen Rechtsradikalen festgehalten wird. Die Beteiligung von rechtsextremem Fußvolk an den bisherigen Kundgebungen und der fehlende Wille zu glaubhafter Distanzierung sind bekannt.[13] Allerdings ist von einem qualitativen Unterschied zu sprechen, ob man Rechtsextreme in einer Bewegung, die sich ein bürgerliches Gesicht zu geben versucht, duldet – oder ob man sie selbst zum Gesicht macht.

 

Ex-linke Prominenz: Anselm Lenz

Ein etwas anderer Fall ist Anselm Lenz, der ebenfalls auf beiden Flyern zu sehen ist. Er kommt aus linken Zusammenhängen, hat sich einst als Gründungsmitglied des Haus Bartleby als Kapitalismuskritiker einen Namen gemacht und für taz, Junge Welt und Welt geschrieben. Im Zuge der Corona-Pandemie vollzog er eine Kehrtwende und ist seitdem maßgeblich an der Organisation der Hygiene-Demos in Berlin beteiligt, dem Berliner Pendant der Corona-Rebell*innen.[19] Hier wie dort werden antisemitische Verschwörungstheorien verbreitet und gemeinsame Proteste mit Rechtsextremen wie Udo Voigt (NPD) oder Heiko Schrank (Sympathisant der Reichsbürgerbewegung) auf die Beine gestellt.[20] Lenz selbst wechselte die Plattform für seine journalistischen Ergüsse zu Querfront-Medien wie Rubikon und ließ sich auch schon von niemand Geringerem als Ken Jebsen interviewen. Dabei verbreitet er die Mär von der von Bill Gates angeführten Verschwörung, verharmlost die Gefahr von Corona – und auch jene des Rechtsextremismus, die er im Vergleich zur Bundesregierung als das geringere Übel imaginiert.[19]

 

Gar keine Prominenz: Manuelmeint

Angekündigt ist auf beiden Flyern auch der Auftritt eines „Manuelmeint“, der zwei YouTube-Kanäle betreibt, einen eigenen und einen namens „FreiwilligFrei“, der von mehreren Personen verantwortet wurde oder wird und seit zwei Jahren weitgehend unbenutzt scheint.[21] Auf diesen wird hauptsächlich ein anarchokapitalistisches und rechtslibertäres Weltbild verbreitet. Der Gruppenaccount verdingt sich darüber hinaus mit Clips, die über die Machenschaften der Rothschilds aufzuklären meinen, die als „essenzielle Psychopathen“ diffamiert werden[22], die Kultur einer beständig drohenden Nazikeule herbeihaluzinieren[23] oder die Frage „Was ist schlecht an Nazis?“ stellen – die mit dem Kollektivismus des Nationalsozialismus beantwortet wird, nur um ihn im gleichen Atemzug auf eine Stufe mit dem Realsozialismus zu stellen.[24] Nicht nur, dass der Nationalsozialismus dadurch stark bagatellisiert und die obsolte Totalitarismustheorie reproduziert wird: Weder von der Shoa noch von den zahllosen anderen Verbrechen des NS gegen Homosexuelle, körperlich oder geistig Behinderte, Sinti und Roma oder die polnische und russische Bevölkerung ist die Rede, gleich als handele es sich um Nebensächlichkeiten, die sich dem wahren Übel des Kollektivismus hintanstellen müssten. Auf der Facebookseite werden wiederum Clips des US-amerikanischen Rechtsextremen Gavin McInnes zur Diffamierung von Black Lives Matter gepostet.[25] Konsequenterweise war der Kanal auch schon zu Gast beim russischen Staatssender Russia Today.[26]

Manuelmeint selbst solidarisiert sich auf seinem eigenen Kanal mit Wojna der HipHop-Band „Die Bandbreite“[27], die in ihren Songs und auf Konzerten Verschwörungstheorien um Impfstoffe, AIDS, den 11. September und die israelische Politik verbreitet und auch Rechtsextreme zu ihren treuen Fans zählen darf.[28] Ansonsten verharmlost er in eigenen Meinungsbeiträgen die rechtsextremen Ausschreitungen in Chemnitz 2018 und bezeichnet sie als gerechtfertigten Protest „besorgter Bürger“ gegen Flüchtlinge, die Menschen „abschlachten“ würden[29], oder behauptet im Zusammenhang mit dem NSU-Prozess, es gäbe keine relevante rechtsextreme Gewalt und das größere Problem sei der Linksextremismus[30].

 

Der Rest

Die übrigen Acts, die sich auf dem aktuellen Flyer finden, sind noch nichtssagender als Manuelmeint, weshalb man sich eine tiefergehende Erörterung ihrer Vernetzungen und Inhalte sparen kann. In aller Kürze: Bei Tanya handelt es sich um eine sich progressiv dünkende Rapperin, was sich an ihrem Instagram-Profil ablesen lässt, auf dem sie stolz präsentiert, wie sie im Winter Lebensmittel an Obdachlose verteilt.[31] Der Tiroler Rapper Rin99er raunt in seinen Clips davon, Kritik an den Maßnahmen der (österreichischen) Regierung wäre nicht möglich, dass „wir“ uns nicht in links und rechts spalten lassen dürften, blendet affirmativ den mit Rechten kuschelnden Verschwörungsideologen Daniele Ganser ein, fordert aber zugleich eine gerechtere Verteilung des Wohlstands, weshalb er auch kein genuiner Rechtsextremer ist.[32][33] Der Ökonom Christian Kreiß ist zum wiederholten Male als Redner angekündigt und raunt in seinen Redebeiträgen von den Interessen großer Konzerne und von Bill Gates, die hinter dem Lockdown stünden – und deren vermeintliche Agitation er mit konstruierten Argumenten als faschistisch bezeichnet.[34]

 

Die Organisator*innen: „Wissen wie Leben“ e. V.

Auf dem zweiten Flyer prankt der Verein „Wissen wie Leben“ als V. i. S. d. P. Dabei handelt es sich um einen Organisation aus dem niederbayerischen Gotteszell, der eigenen Angaben zufolge das Ziel verfolgt, „international und weltoffen“ zu sein, Gesundheit und Bildung zu fördern und Senior*innen wie Jugendliche zu unterstützen.[35] Es folgten schließlich Veranstaltungen mit der homöopathischen Heilpraktikerin Annie Sommerauer.[36] Der bürgerlich-progressive Anspruch des Vereins ist nicht zu übersehen. Ihn als rechtsextrem zu bezeichnen ginge fehl. Vielmehr veranschaulicht sein Beispiel, dass es sich bei den Corona-Rebell*innen trotz des offensichtlichen Rechtsrucks nach wie vor um ein Bündnis von Rechtsextremen und liberalen Bürgerlichen handelt – und nicht um eine genuin rechtsextreme Bewegung.

 

Der Rechtsruck der Corona-Rebell*innen: Versuch einer Erklärung

Fest steht, dass mit Ukvali und Thorsten Schulte mindestens zwei Personen auf die Bühne gesetzt werden sollten und auch werden, bei denen es sich um offene Rechtsradikale handelt. Daran ändern auch die geplanten Auftritte von „Linken“ wie Anselm Lenz nichts, da diese ebenso antisemitische und verschwörungsideologische Inhalte verbreiten, mit der rechten Szene bestens verbunden sind – und nicht zuletzt den gegenwärtigen wie den historischen Rechtsextremismus geradezu konsequent verharmlosen. Nicht zuletzt hat sich das Organisationsteam in einer Pressemitteilung vom 22. Juli ausdrücklich zu Ukvali und Beatus bekannt und ihre durch das KVR erbetene Ausladung bedauert. Verwiesen wird auf die Meinungsfreiheit[37] – als handele es sich bei Antisemitismus und positive Bezugnahmen auf die Shoa um simple Meinungen, über die man debattieren müsste. Ihre Pressemitteilung ist folglich ein weiteres Dokument des Unwillens der Corona-Rebell*innen, sich nach rechtsaußen abzugrenzen. Und Thorsten Schulte wird wie selbstverständlich als Bühnenredner angekündigt.

Wie ist dieser Rechtsruck aber zu erklären? Zu berücksichtigen ist, dass die goldene Zeit der Corona-Rebell*innen, die im Mai in München noch rund 3000 Leute auf die Straße getrieben haben[14], vorbei ist. Nicht nur dass das organisatorische Chaos bei der Organisation eines Festivals auf massive Inkompetenz der Veranstalter*innen und auf interne Konflikte zurückzuführen sein dürfte, so sind die Zahlen stark zurückgegangen: Auf den vergangenen Kundgebungen konnten nur noch zwischen 200 bis 400 Teilnehmer*innen mobilisiert werden.[38] Wer sich dem bürgerlichen oder gar progressivem Spektrum zuordnete, dürfte sich in vielen Fällen verabschiedet haben. Ob das nun an der antifaschistischen Aufklärungskampagne über Charakter, Ideologie und Zusammensetzung der Bewegung lag, die vielleicht manche abschreckten, oder an den Lockerungen der Regierung Söder, die ihr jegliche Argumentationsgrundlage entzog, sei dahingestellt. Zurück bleibt jedenfalls der harte Kern der Bewegung, der sich aus besonders verschwörungsideologie-affinen Bürger*innen und offen Rechtsextremen zusammensetzt. Anteil und Einfluss Letzterer ist durch den Rückgang der Teilnehmer*innenzahlen massiv gestiegen und erscheint am plausibelsten, um den beobachteten Rechtsruck zu erklären. Das gewachsene Gewicht der Rechtsextremen bei den Corona-Rebell*innen steht damit zu deren Niedergang in einem proportionalen Verhältnis. Gerade das macht aber auch Raum für Hoffnung: Wenn die extreme Rechte ihre menschenverachtenden Inhalte nur dann verbreiten kann, wenn sie isoliert ist, spricht das für ihre Marginalisierung in der Gesellschaft.

 

[1] Flyer1bearbeitet

 

[14] Flyer2

[25] https://www.facebook.com/freiwilligfrei/posts/3230969126942080?__xts__[0]=68.ARCx4Zl2fNSxoKbJtdvO-z8X-fBpY9v39hI15HylPpi71wKs0i7_UYdm7D8eUBROVVGM1QtMFVuhrzn32a-urtQY6VF45JWPt_4nw9STDnBITbg54FAazzdrlVZ5LRSUEV4kr5-k5qAqWUAeqtbUK2g6OPLk-75Hht2r8hmjgy56TJAKGQqpJMgtSXvOUDRTvBVK01KJyFSq-NDp-yudETwN4S_jc48ibBCz_7bsBq7d5RcMttiWwEpe23Te7Aew9jDBv5d0k9oHkCwr-d5jATqPVkPxitchRv1snUF_Mkyp-WnPSRIeDD8_fVoGFLfrqgACZ_vqd9jO0j_nRCAZjb667g&__tn__=-R

 

[37] PM Rebellen

 

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