Zum Auftritt Kollegahs im Backstage am 14. Dezember

Für den 14. Dezember 2019 ist ein Auftritt Kollegahs im Münchner Backstage geplant.[1] Aufgrund unzähliger antisemitischer, aber auch sexistischer und homophober Ausfälle in der Vergangenheit halten wir es für ein Unding, ihn in München – und generell – eine Bühne zu bieten und fordern nach wie vor die Absage das Konzerts. Im Folgenden möchten wir auf diese Ausfälle (mit Fokus auf den Antisemitismus) eingehen – aber auch auf den Umgang des Backstage mit dieser Angelegenheit.

Denkt man an Kollegah und Antisemitismus-Skandale, so kommen insbesondere der gemeinsam mit Farid Bang performte Song „0815“ und der damit zusammenhängende Eklat bei der Echo-Verleihung 2018 in den Sinn. In diesem Track findet sich folgende Zeile, die von Bang gerappt wird: „Mein Körper definierter als von Auschwitz-Insassen.“[2] Eine einzige Respektlosigkeit gegenüber den Opfern der Shoa. Die Kritik, u. a. geäußert durch die Shoa-Überlebende Esther Bejarano und dem Antisemitismus-Beauftragten der Bundesregierung Felix Klein, war gerechtfertigt[3]; die später erfolgte Entschuldigung und Distanzierung durch Bang das Mindeste, was hätte geschehen müssen. Doch ist dieser Skandal nur die Spitze eines schier endlosen Eisbergs voller Entgleisungen.

Diese ziehen sich nahezu durch die gesamte Karriere Kollegahs, ohne dass sie vor der Echo-Verleihung jemals jemanden empört hätten. Im Jahr 2009 veröffentlichte Kollegah den Song „Endlösung der Rapperfrage“, in dem er sich in unzähligen Gewaltphantasien gegen andere Rapper ergeht. Den Ausdruck „Endlösung der Judenfrage“, den der Nationalsozialismus euphemistisch für die Vernichtung der jüdischen Bevölkerung verwendet hat, instrumentalisiert er hierbei für simples Dissen anderer Rapper. Das stellt eine Verharmlosung der Shoa und eine einzige Verhöhnung ihrer Opfer dar. Dieser Linie ist er treu geblieben, wie ein im Jahr 2011 mit PA Sports veröffentlichter Song mit dem Titel „HS.HC“ zeigt. Im Refrain löst Kollegah die Abkürzung als „Hurensohn-Holocaust“ auf, während sein Duettpartner verschiedene Künstler aus der Hiphop-Szene mit diversen Mord- und Gewaltphantasien disst – darunter auch den jüdischen Rapper Sun Diego.[3] All diesen „Hurensöhnen“ wird folglich ein „Holocaust“ angedroht. Auch hierbei handelt es sich um eine Verharmlosung der Shoa und eine Verhöhnung ihrer Opfer.

Im weiteren Verlauf seiner Karriere hat sich die Respektlosigkeit Kollegahs gegenüber Jüdinnen*Juden noch verschärft. Im 2013 veröffentlichten Song „NWO“ werden Kriege beklagt, die aus Profitgier losgetreten werden, ehe sich folgende Textzeilen finden: „Präsidenten sind nur Marionetten, die wahren Leader / Zieh’n im Hintergrund die Fäden wie Harfenspieler […] / NWO – Camouflage, Langstreckenraketen / Eine mächtige Minderheit, der Schandfleck des Planeten […] / Wir werden Entertainer, Rapstars oder Sportler / Bei Morgendämmerung einer New World Order.“ Der Begriff „New World Order“/“Neue Weltordnung“ (NWO) ist in verschwörungsideologischen und antisemitischen Diskursen seit Jahrzehnten zentral. Verstanden wird darunter der Plan geheimer verschworener Eliten, eine internationale Weltregierung zu errichten. Diese Eliten werden wahlweise mit Freimaurer*innen, Bolschewist*innen, Zionist*innen oder ganz allgemein Jüdinnen*Juden identifiziert[4]. Auch Kollegah identifiziert die Eliten, die an einer NWO arbeiten, mit einer „mächtigen Minderheit“, die im „Hintergrund die Fäden“ ziehen und dabei aus reiner Geld- und Machtgier sogar Präsidenten kontrollieren und Kriege auslösen. Damit knüpft er an einen stark antisemitisch geprägten Diskurs der extremen Rechten an. Dass eine offene Identifikation dieser mächtigen Minderheit mit Jüdinnen*Juden nicht stattfindet und Kollegah Textstellen formuliert, die eine antisemitische Stoßrichtung vermeintlich ausschließen sollen („die wahren Leader […] beten zu Jesus Christus, doch leben in Egoismus / Ganz egal, ob wir nun ‚Jahwe‘, ‚Gott‘ oder ‚Allah‘ sagen / Gewalt erzeugt Gewalt“), ändert nichts am verschwörungsideologischen und für Antisemitismus offenen Gehalt der Lyrics. Vielmehr erscheinen die Textzeilen um Jesus Christus und Jahwe als unbeholfene Versuche, den Text vorsorglich vor dem Antisemitismusvorwurf reinzuwaschen.

In der Folgezeit wurde Kollegah nämlich offener. Was 2013 noch unmöglich schien, war im Jahr darauf kein Skandal mehr wert. Im gemeinsam mit Favourite veröffentlichten Track „Sanduhr“ sind folgende Zeilen zu lesen: „Und vor Gericht wird wieder mal auf Unschuld plädiert / Yeah, Freispruch, wie üblich, ich kann hier halt / Machen, was ich will, dank meines jüdischen Anwalts […] Ich leih‘ dir Geld, doch nie ohne ’n jüdischen Zinssatz, äh, Zündsatz.“ Hier werden auf klassische antisemitische Stereotype von Jüdinnen*Juden als Manipulator*innen, die selbst für offenkundig schuldige Verbrecher Freispruch erlangen, und als gierige um Zinsen und Kredite handelnde Wucher*innen gespielt. Der Text scheint parodistischen Charakter zu haben und ironisch mit dem Image eines typischen Gangster-Rappers zu spielen. Dadurch werden die betreffenden Zeilen jedoch nicht einfach als Satire oder Parodie entschuldbar. Die Pointen funktionieren nämlich nur unter der Voraussetzung, dass man Jüdinnen*Juden als Manipulator*innen und Wucher*innen imaginiert. Folglich werden antisemitische Vorstellungen nicht parodiert, sondern affirmativ instrumentalisiert, um das Gangster-Rap-Klischee zu persiflieren.

Der 2016 erschienene Song „Apokalypse“ darf mitsamt Text und Videoclip schließlich als antisemitisches Gesamtkunstwerk gelten. In diesem Song werden satanistische Mächte in Gestalt von 13 Familien beschworen, die seit babylonischen Zeiten die Erde beherrschen, heute Banken, US-Präsidenten wie Illuminaten kontrollieren, für Ausbeutung, Krieg und Armut sorgen und damit für die nahende Apokalypse verantwortlich wären. In Ost-Jerusalem wird schließlich der endzeitliche Kampf zwischen Kollegah und dem Teufel inszeniert, ehe im Anschluss „Buddhisten, Muslime und Christen“ die Welt wiedererrichten. Dass Jüdinnen*Juden in dieser Aufzählung fehlen, ist kein Zufall. Sie werden nämlich im Clip eindeutig mit dem Teufel identifiziert, der einen Ring mit einem Davidstern trägt. Zudem geht die Erwähnung der 13 Familien auf das Buch „Bloodlines oft the Illuminati“ des christlich-fundamentalistischen Verschwörungsideologen Fritz Spengmeier als Quelle zurück. Dieser spricht ebenfalls von 13 jüdischen und satanistischen Familien als maßgebliche Drahtzieher*innen der Weltgeschichte und schließt daraus, dass „diejenigen, die sagen, dass diese Verschwörung jüdischer Natur ist, richtig liegen. […] Eine der ersten Gruppen, an deren Kontrolle Satan gearbeitet hat, waren die Juden. […] Aber es wäre ein Irrtum, von einer jüdischen Verschwörung zu sprechen. Der Vater von allem ist Satan.”[5]

Zu den 13 Familien zählen u. a. die Rothschilds, die seit dem 19. Jahrhundert immer wieder im Zentrum antisemitischer Propaganda stehen.[6] Und auch die Nationalsozialist*innen bedienten sich für ihre antisemitische Hetze dieses Mythos: Das Propagandaministerium um Joseph Goebbels ließ 1940 den Film „Die Rothschilds“ drehen, der von einem gierigen jüdischen Bankier handelt.[7] Kollegah bewegt sich mit seinen Textzeilen folglich in bester faschistischer und antisemitischer Tradition. Darüber hinaus wird im Videoclip zu den Textzeilen, die die Herrschaft des ungenannten satanischen Tyrannen von Babylon beschreiben, eine Darstellung Baphomets gezeigt – eine Gestalt, die angeblich von Templern und Freimaurern verehrt wurde und in der okkultistisch-verschwörungsideologischen Szene mit Satan identifiziert wird. Exakt die im Clip verwendete Darstellung wurde im 19. Jahrhundert gestaltet und fand seinen Weg auf die Umschlagseite russisch-sprachiger Ausgaben der Protokolle der Weisen von Zion, einem Plagiat aus dem frühen 20. Jahrhundert, das eine jüdische Weltverschwörung belegen soll.[8] Jüdinnen*Juden werden in diesem Track Kollegahs folglich mit Satan und dem Bösen schlechthin assoziiert, das es zu bekämpfen gelte, um sich ihrer Unterdrückung zu entledigen. Dazu bedient er sich einer antisemitischen Tradition, die im Okkultismus des 19. Jahrhunderts verwurzelt ist und in der auch der Nationalsozialismus eingeordnet werden muss.

Zwei Jahre später folgte der nächste antisemitische Clip: In „Ansage“ werden in einer Szene sechs stereotypisch dargestellte Juden gezeigt (mit Hakennasen und dicken Lippen, sich die Hände reibend), die FED, Wall Street, Hollywood, Internet, Gerichte, sowie Krebs- und Pornographie-Industrie kontrollieren würden. Gleich mehrere Antisemitismen sind hier gleichzeitig zu finden: Sowohl die Kontrolle von Banken als auch die von Hollywood wird seit einigen Jahrzehnten Jüdinnen*Juden immer wieder unterstellt. Die Kontrolle der Pornographie-Industrie lässt sich als Anspielung auf die vermeintlich stark Sexualisiertheit der Jüdinnen*Juden deuten – ein weiteres altes antisemitisches Motiv. Kollegah distanzierte sich nach Kritik von diesem Ausschnitt, ließ ihn unkenntlich machen und behauptete, von diesem nichts gewusst zu haben – obwohl der Clip auf seinem eigenen Kanal hochgeladen wurde.[9]

All diese Entgleisungen wurden in den Medien vergleichsweise wenig beachtet, wenn man den Skandal um die Echo-Verleihung und den Track „0815“ bedenkt, demonstrieren aber, wie sich der Antisemitismus als rote Linie durch Kollegahs künstlerisches Schaffen zieht. Doch beschränkt sich dieser keineswegs auf Songtexte und Videoclips. Kollegahs Aktivitäten außerhalb der Musik werfen einen Blick auf Hintergrund und Kontext seiner Entgleisungen. Bereits 2003 hat er das Buch „Tod – Auferstehung – Hölle“ des islamischen Kreationisten Harun Yahya ins Deutsche übersetzt.[10] Dieser hat auch eine klare Haltung zu Zionismus und Judentum, denen er das Streben nach Weltherrschaft, ein Paktieren mit Nazis und Freimaurern und die Inszenierung der Shoa unterstellt, die seiner Ansicht nach nie stattgefunden hätte.[11] Dass Kollegah ausgerechnet eines seiner Bücher ins Deutsche übersetzte, spricht für seine außerordentliche Wertschätzung dieses Kreationisten. Dazu passt auch der Pilgerweg Kollegahs zum Grab des palästinensischen Terroristen und Antisemiten Yassir Arafat Anfang 2018, wodurch er selbst eine dezidiert antizionistische Position bezieht.[12] In einem Gespräch mit Shahak Shapira auf YouTube über Antisemitismus wurden ihm zudem weitere problematische Aussagen entlockt: „Die einzigen, die sich immer in diese Opferrolle setzen, seid ihr Juden.“ Und: „Ich hab immer das Gefühl, man kriegt gar nicht so viel mit von der jüdischen Bevölkerung – sie integrieren sich nicht, sie zeigen sich auch gar nicht, sie zeigen nicht so die Präsenz.“[13] Bei beiden Sätzen handelt es sich um antisemitische Stereotype, die von der Selbstinszenierung der Jüdinnen*Juden als Opfer ausgehen (was meist mit der Unterstellung einhergeht, sie würden diesen Opferstatus instrumentalisieren), sowie von der Abgeschirmtheit der jüdischen Bevölkerung, als handele es sich um eine selbstgewählte, abgegrenzte und völlig andersartige Subkultur; den mangelnden Integrationswillen warf auch schon Heinrich von Treitschke Ende de 19. Jahrhunderts den Jüdinnen*Juden vor – jener Treitschke, der das spätere Stürmer-Motto „Juden sind unser Unglück“ prägte. Auf dieser Linie blieb Kollegah jedenfalls auch nach seinem vermeintlich reumütigen Besuch in Auschwitz Juni letzten Jahres, nachdem es Kritik am Track „0185“ hagelte. Denn in einem Interview mit hiphop.de vom 9. November behauptet Kollegah, in Gaza fände das gleiche wie der Holocaust statt, von dem die Deutschen wiederum nichts gewusst hätten[14] – was nachweislich nicht stimmt. Dadurch schafft er es in wenigen Sätzen nicht nur, die Shoa zu relativieren und den jüdischen Staat zu dämonisieren, sondern enthebt die deutsche Bevölkerung auch noch aus ihrer Verantwortung, die deutschen Täter*innen von ihrer Schuld. Völlig zu Recht erklärte der Antisemitismus-Beauftragte der Bundesregierung dazu: „Nachdem der Rapper Kollegah die Gedenkstätte Auschwitz besucht hat und ihm dort die Grauen der Naziverbrechen vor Augen geführt wurden, ist seine neuerliche antisemitische Entgleisung durch nichts mehr zu rechtfertigen.“[15] Auch vom Zentralrat der Juden gab es bereits scharfe und berechtigte Kritik.[3]

Wie eingangs erwähnt, wollen wir uns hier auf den Antisemitismus fokussieren – den Sexismus und die Homophobie in seinen Texten aber nicht unerwähnt lassen. Der Ausdruck „schwul“ wird nahezu regelmäßig in seinen Texten zur Diskreditierung anderer verwendet, der Ausdruck „Bitch“ geradezu als Synonym für Frauen. In vielen Texten versteigt sich Kollegah in regelrechte Gewaltfantasien, wenn er davon rappt, „Bordsteinschlampen“ zu vergewaltigen, Minderjährige zu missbrauchen oder Frauen bei einer Vergewaltigung das Steißbein zu brechen. Auch in den hier behandelten Texten finden sich neben den Antisemitismen auch unzählige sexistische Eskapaden. Die feministische Zeitschrift Emma verlieh ihm dieses Jahr konsequenterweise den „Sexist Man Alive“ Award.[16]

Im Zuge seiner aktuellen Tournee regte sich endlich ein gewisser Widerstand gegen seine Aktivitäten. In Rastatt sollte er ausgerechnet am 9. November, dem Gedenktag der Reichspogromnacht, auftreten – ehe ihm abgesagt wurde.[17] Auch in Köln forderten verschiedene Akteur*innen, inklusive Oberbürgermeisterin Henriette Reker, erfolglos eine Absage. Die Proteste vor der Konzerthalle kommentierte Kollegah hämisch mit: „Habt ihr die Emanzen-Demonstranten draußen gesehen? Vielleicht hätte ich denen den ein oder anderen Kochlöffel mitbringen sollen.“[18] Nach Reflexion und Distanzierung sieht so ein Verhalten jedenfalls nicht aus.

Und nun, am 14. Dezember, steht sein Konzert in München an. Charlotte Knobloch, die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, hat bereits eine Absage gefordert und sieht auch die Stadt München „in der Pflicht“.[19] Deren Bürgermeister Dieter Reiter sieht das leider anders. Angesprochen auf das Kollegah-Konzert sagte er: „Ich bin generell nicht der Freund von Verboten.“[20]

Unser Linkes Bündnis gegen Antisemitismus München hat bereits im Juli das Backstage mit der Forderung einer Absage kontaktiert. Nachdem der Veranstalter Ende April auf unsere Intervention hin[21] ein Konzert mit Bands aus dem NSBM-Umfeld gecancelt und stattdessen das „Bash against Antisemitism“ veranstaltet hat, hätten wir eine überzeugendere Haltung zu Antisemitismus erwartet. Nach vier Monaten ist das Konzert immer noch nicht abgesagt. Was sich seit wenigen Tagen stattdessen findet, ist ein halbgares Statement auf der Homepage.[22] Laut diesem sieht sich das Backstage im „Dilemma“, auch die „Sichtweise“ Kollegahs ernstnehmen zu müssen. Begründet wird das mit Statements Kollegahs, in denen er sich von Antisemitismus distanziert. Die gab es zwar hin und wieder, gingen aber über das Niveau einer simplen Abwehr nie hinaus, ehe er sich schließlich zu neuen Entgleisungen herabließ. Dadurch machte er jede einzelne seiner Distanzierungen völlig unglaubwürdig. Seine vermeintliche Rehabilitierung durch seinen Auschwitz-Besuch ist nichts mehr wert, wenn er nur wenige Monate später die Verantwortung der nicht-jüdischen Deutschen für die Shoa bestreitet. Zudem gewichtet das Backstage den „Standpunkt des Künstlers“ genauso wie die „Interessen und das Empfinden der von der Diskriminierung Betroffenen“, sprich: die Sorgen einer Person, die öffentlich Antisemitismus verbreitet, sind genauso zu berücksichtigen wie die Sorgen jener, die von Antisemitismus betroffen sind. Das Backstage kommentiert das folgendermaßen: „Bei umstrittenen Konzerten suchen wir daher immer den Austausch mit den KünstlerInnen, den KritikerInnen und den Betroffenen. Ebenso überlegen wir intensiv, was eine Absage für die Betroffenen, die Fans und die Szene bedeuten kann. Denn es müssen alle Konsequenzen bei einer solchen Entscheidung berücksichtigt werden.“ Die Betroffenen haben sich jedenfalls bereits zu Wort gemeldet: Die IKG fordert die Absage des Konzerts. Wie sich das Backstage nun den Austausch zwischen Kollegah und seinen Kritiker*innen bzw. den jüdischen Gemeinden vorstellt, bleibt völlig unklar. Angesichts dessen, was Kollegah in den letzten zehn Jahren von sich gegeben hat, gibt es nichts, was er uns vom LBGA als Kritiker*innen noch zu sagen hätte – es würde doch nur wieder in Abwehrreaktionen und Relativierungen enden, bevor die Verbreitung antisemitischen Gedankenguts wieder von vorne losgeht. Darüber hinaus hat Kollegah auf seinem Konzert in Köln jüngst mehr als deutlich gemacht, was er von seinen Kritiker*innen hält und wie eine „Austausch“ mit ihm aussehen würde. Von ihm fordern wir daher nichts anderes, als sich glaubwürdig zu distanzieren (und das nicht durch simple Abwehrreaktionen), sich aus der Öffentlichkeit vollständig zurückzuziehen und sich Zeit zu nehmen, um sich darüber klar zu werden, was er mit seiner Agitation an Schäden angerichtet hat. Das sind keine Forderungen, über die man in irgendeiner Weise verhandeln könnte – schon gar nicht mit Kollegah selbst.

Das Backstage gibt nun vor, „zwischen den KritikerInnen und Kollegah“ vermitteln zu wollen und sich nicht als dessen „SprecherIn“ zu verstehen. In diese Position gelangt es allerdings unweigerlich, wenn es Kollegah stets für seine Verhandlungsbereitschaft würdigt und die Kritiker*innen (darunter uns) dafür rügt, über das richtige Ausmaß an Antisemitismus, Sexismus und Homophobie nicht verhandeln zu wollen. Dass das Backstage seine Kritiker*innen derart verhöhnt und auch nach Kollegahs Auftritt in Köln noch an ihm festhält und an einen offenen Austausch glaubt, lässt sich längst nicht mehr mit Naivität erklären. Die Sorge des Backstage, durch eine Absage „bei den enttäuschten und vielleicht sogar verärgerten Fans […] überhaupt erst womöglich einen Brandbeschleuniger für antisemitische Hetze von rechten Kreisen“ zu liefern, teilen wir ebenfalls nicht. Wir sehen in den Fans von Kollegah und jedem anderen musikalischen Act mündige und zu selbstständigem Denken fähige Personen, die dazu in der Lage sein sollten, sich mit Kritik auseinanderzusetzen und sich von ihr ggf. überzeugen zu lassen. Wer nun wegen einer Konzertabsage (!) „erst recht“ ein Nazi wird, dürfte wohl zuvor schon entsprechende Neigungen gehabt haben.

Kurz vor Schluss seines Statements wird das Backstage endlich ehrlich, was seine eigenen Sorgen betrifft: „Zum anderen könnten sich dann zunehmend Fans und Gäste auch bei anderen Konzerten selbst mit nur vermeintlich ‚problematischen‘ KünstlerInnen fragen, ob mann/frau hierfür überhaupt noch Tickets kaufen solle, weil ja die Gefahr bestünde, dass dieses Konzert eh wieder abgesagt werden würde.  Mit beidem mussten wir jüngster Zeit bereits zu unserem größten Bedauern die Erfahrung machen.“ Auf ihrem ausführlicheren Statement auf ihrer Facebookseite finden sich noch deutlichere Zeilen: „Klar ist eben aber auch, dass wir Gottseidank einen Rechtsstaat haben und wir daher nicht so einfach geschlossene Verträge einseitig und kurzfristig brechen können. Diese dann ggf. aufzulösen erfordert mehr Zeit und kostet uns ggf. – wie bereits schon einige Male in der Vergangenheit – dann durchaus eine Menge Geld. – Entgegen jetzt schon wieder mancher angerlautender Unterstellungen – war und ist das für uns aber auch nie ein wesentlicher Entscheidungsgrund, obwohl wir uns – entgegen der Vermutung von Vielen – wirtschaftlich selbst finanzieren (müssen) und aufgrund unserer kulturellen Ausrichtung wie unserer permanent räumlichen prekären Situation unter einem erheblichen wirtschaftlichen Druck stehen.“[23] Deutlich werden in diesen Aussagen die ökonomischen und finanziellen Sorgen des Backstage. Das Lavieren um Kollegah wird dadurch auch um einiges verständlicher. Vergleichsweise kleine Acts wie Mgla oder destroyer 666 lassen sich leichter hinauswerfen – der ökonomische Verlust ist dabei ungleich geringer als bei einem so erfolgreichen Popstar wie Kollegah. Wir begrüßen die Ausladung der beiden Metal-Bands nach wie vor, vermissen aber auch die Konsequenz im Handeln des Backstage. Wer gegen jeden Antisemitismus ist, soll es auch konsequent sein und diese Haltung bei allen Künstler*innen durchziehen, nicht nur bei denen, deren Rauswurf einen vergleichsweise geringen ökonomischen Schaden verspricht. Wir können nicht erkennen, inwiefern Kollegah harmloser als Mgla sein soll, nur weil er sich selbst nicht als Antisemiten oder Sexisten sieht. Das Gegenteil ist der Fall: Aufgrund seiner Reichweite und Popularität und der Vehemenz antisemitischer und sexistischer Inhalte ist Boykott die einzig angemessene Umgangsform. Das Backstage hätte erneut die Gelegenheit, ein Zeichen gegen Antisemitismus zu setzen. Auch wenn seine Glaubwürdigkeit durch das monatelange Lavieren und das unausgegorene Statement nachhaltig erschüttert ist. Sollte das Backstage weiterhin an Kollegah festhalten, wird es auch vor der eigenen Haustür mit öffentlichen Protesten rechnen müssen.

 

[1] https://www.backstage.info/veranstaltungen-2/live/item/kollegah-monument-tour-2019, zuletzt aufgerufen am 27.11.2019.

[2] https://www.zeit.de/2018/16/kollegah-farid-bang-antisemitismus, https://www.tagesspiegel.de/kultur/nach-vorwurf-des-antisemitismus-rapper-farid-bang-und-kollegah-besuchen-auschwitz/22660756.html, zuletzt aufgerufen am 27.11.2019.

[3] https://de.wikipedia.org/wiki/Kollegah#Verschw%C3%B6rungstheorien_und_Antisemitismus, zuletzt aufgerufen am 27.11.2019.

[4] https://de.wikipedia.org/wiki/Neue_Weltordnung_(Verschw%C3%B6rungstheorie), zuletzt aufgerufen am 26.11.2019.

[5] https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/schmocktransformation, zuletzt aufgerufen am 27.11.2019.

[6] https://de.wikipedia.org/wiki/Rothschild_(Familie)#Die_Rothschilds_als_Gegenstand_von_Hetzkampagnen_und_Verschw%C3%B6rungstheorien, zuletzt aufgerufen am 26.11.2019.

[7] https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Rothschilds_(1940), zuletzt aufgerufen am 26.11.2019.

[8] Eva Horn/Michael Hagemeister (Hg.), Die Fiktion der jüdischen Weltverschwörung. Zu Text und Kontext der „Protokolle der Weisen von Zion“. Göttingen 2012, 242.

[9] https://www.watson.de/leben/musik/174602182-der-jura-student-kollegah-und-die-kunst-des-rhetorischen-gegenschlags, zuletzt aufgerufen am 27.11.2019.

[10] https://de.wikipedia.org/wiki/Kollegah#Stil_und_Botschaft, zuletzt aufgerufen am 27.11.2019.

[11] https://de.wikipedia.org/wiki/Harun_Yahya#Haltung_zu_Zionismus_und_Judentum, zuletzt aufgerufen am 27.11.2019.

[12] https://www.belltower.news/rap-in-deutschland-von-nwo-rothschilds-und-illuminati-43278/, zuletzt aufgerufen am 27.11.2019.

[13] https://taz.de/Youtube-Gespraech-ueber-Antisemitismus/!5395002/, zuletzt aufgerufen am 27.11.2019.

[14] https://rap.de/news/142895-kollegah-kritik-wegen-holocaustrelativierung/, zuletzt aufgerufen am 27.11.2019.

[15] https://www.bild.de/politik/inland/politik-inland/neuer-antisemitismus-fall-kollegah-hat-ueberhaupt-nichts-gelernt-58358834.bild.html, zuletzt aufgerufen am 27.11.2019.

[16] https://de.wikipedia.org/wiki/Kollegah#Sexismus_und_Homophobie, zuletzt aufgerufen am 27.11.2019.

[167 https://www.welt.de/vermischtes/article202516182/Konzert-von-Rapper-Kollegah-in-Rastatt-abgesagt.html, zuletzt aufgerufen am 27.11.2019.

[18] https://www.stern.de/kultur/musik/kollegah–proteste-gegen-rapper-in-koeln—er-selbst-reagiert-haemisch-8999394.html, zuletzt aufgerufen am 27.11.2019.

[19] https://www.sueddeutsche.de/muenchen/kollegah-konzert-muenchen-backstage-1.4683725, zuletzt aufgerufen am 27.11.2019.

[20] https://www.bild.de/regional/muenchen/muenchen-aktuell/klartext-von-dieter-reiter-ob-wette-gegen-afd-66136140.bild.html, zuletzt aufgerufen am 27.11.2019.

[21] https://lbga-muenchen.org/2019/04/25/offener-brief-ans-backstage-muenchen-bzgl-des-auftritts-zweier-rechtsradikaler-bands, zuletzt aufgerufen am 27.11.2019.

[22] https://www.backstage.info/veranstaltungen-2/live/item/kollegah-monument-tour-2019, zuletzt aufgerufen am 27.11.2019.

[23] https://www.facebook.com/story.php?story_fbid=10157416147905935&id=115472195934, zuletzt aufgerufen am 27.11.2019.

 

 

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