Unser Redebeitrag auf der Kundgebung „Solidarität statt Schwurbelei“ vom 22.12.2021

Bereits mehrfach totgesagt, schaffte es die Querdenken-Bewegung immer wieder, neu zu mobilisieren und ihre gefährlichen Inhalte in die Öffentlichkeit zu transportieren. Letzten Mittwoch hat sie rund 3700 Teilnehmer auf die Ludwigstraße gebracht. Dabei ist sie nicht nur gefährlich, weil sie die nach wie vor grassierende Corona-Pandemie verharmlost oder leugnet. Sie lehnt auch jegliche Sicherheitsmaßnahmen wie Abstand oder Masken bis hin zu Impfungen ab, als hätte der Virus nicht bereits mutmaßlich 10 bis 20 Millionen Opfer weltweit gefordert: Gefährlich ist sie auch, weil sie ihre medizin- und wissenschaftsfeindliche Haltung in ein verschwörungsideologisches Weltbild verankert. Dieses Weltbild überschreitet die ohnehin schmalen Grenzen zum Antisemitismus oft genug.

Man könnte nun meinen: Das ist bei einer so rechten Bewegung wie Querdenken nicht weiter überraschend. Und ja, sie wird unterstützt und maßgeblich mitgestaltet von Neonazis, Burschenschaftern und AfD-Funktionären. Aber vergessen wir nicht, dass auch viele Menschen Sympathie und Nähe zu Querdenken artikuliert haben, die sich selbst im linken Spektrum verorten. Auch hier in München: Während anarchistische Zeitungen wie „Fernweh“ oder „Zündlumpen“ ihr zur Seite gesprungen sind, unterhält auch der LMU-Professor Michael Meyen, der vor wenigen Jahren noch großzügig an die Rote Hilfe gespendet hat, Verbindungen zu ihr. Auch die bei vielen Linken und Liberalen beliebte Kabarettistin Lisa Fitz blies in Fernsehsendungen immer wieder ins Horn von Corona-Rebell*innen und Impfgegner*innen. Und doch, trotz offener Sympathiebekundungen und Beteiligungen vieler Linker, ist Querdenken eine zutiefst antisemitische Bewegung und eine Gefahr für jüdisches Leben.

Zu erinnern ist daran, dass erst letztes Jahr am 20. Mai der Trainer des jüdischen Fußballvereins Maccabi München, Max Brym, von einem Impfgegner und Querdenker im Englischen Garten angegriffen wurde. „Ihr jüdischen Schweine seid schuld! Ihr Juden habt das mit dem Corona gemacht! Du jüdischer Dreckskerl!“, wurde ihm dabei zugerufen. So bitter dieser Vorfall ist, so war er auch vor eineinhalb Jahren keine Überraschung. Wer die Querdenker*innen von Anfang an beobachtet hat, wusste um ihren antisemitischen Charakter. Er zeigte sich auf ihren zahlreichen Demonstrationen und Kundgebungen auch hier in München.

Vielfach wurden auf Plakaten Verschwörungstheorien verbreitet, laut denen George Soros oder die Familie Rothschild hinter dem Virus oder der Erfindung einer Pandemie stecken würden. George Soros, ein jüdischer Milliardär aus den USA, fungiert seit vielen Jahren als zentrales Feindbild der AfD und rechter Politiker*innen von Victor Orbán bishin zu Donald Trump. Auf eine ältere Tradition kann das Geschwurbel um die Rothschilds zurückblicken: Die jüdische Bankiersfamilie stand bereits im 19. Jahrhundert im Zentrum antisemitischer Verschwörungstheorien. Auch die Nazis bedienten sich dieses Mythos und drehten im Auftrag von Joseph Goebbels sogar den Film „Die Rothschilds“, der neben „Jud Süß“ und „Der ewige Jude“ zu den wichtigsten antisemitischen Filmen der NS-Zeit zählt. In dieser Tradition steht folglich auch die Querdenken-Bewegung, wenn sie Plakate mit entsprechenden Verschwörungstheorien vor sich herträgt.

Auch in Redebeiträgen wurden Juden demonstrativ ausgegrenzt. So sprach die Schriftstellerin Alexandra Motschmann am 1. November 2020 auf dem sogenannten „Gottesdient“ der Querdenker*innen: „Der liebe Gott, der da oben ist, liebt alle Christen und der liebt auch Moslems und der liebt auch Buddhisten, Shintoisten, Hinduisten, weil es ist ein Gott der Liebe. Amen.“ Dabei leben in Deutschland gegenwärtig immer noch mehr Jüd*innen als Hindus oder Shintos, von der Jahrhunderte alten Geschichte der jüdischen Bevölkerung in Deutschland ganz zu schweigen. Auch angesichts der starken Antisemitismuskritik an der Querdenken-Bewegung erscheint es arg unrealistisch, dass Motschmann Jüd*innen schlicht „vergessen“ hat.

Darüber hinaus wurden immer wieder Anhänger*innen der Qanon-Bewegung beobachtet. Im Zentrum ihrer Wahnwelt steht die Vorstellung, dass jüdische und satanistische Eliten aus dem Blut entführter Kinder ein Verjüngungselixier gewinnen wollten, wogegen Donald Trump ankämpfe und zum Heilsbringer und Erlöser stilisiert wird. Auf Querdenken-Demos, auch hier in München, konnten viele Personen identifiziert werden, die T-Shirts mit dem charakteristischen Q-Logo dieser Bewegung trugen.

Gab es jemals Kritik, Widerspruch oder Protest seitens anderer Querdenker*innen auf diesen Demos? Nein! Also werden diese antisemitischen Inhalte von allen Teilnehmer*innen mindestens geduldet oder wahrscheinlich geteilt. Und von da ist es auch nicht mehr weit bis zu antisemitischen Angriffen auf Jüd*innen wie Max Brym.

An diesen Zuständen ändern auch all jene Linken nichts, die sich an Querdenken beteiligen. Weder Lisa Fitz oder Michael Meyen noch die werten Anarchist*innen von Fernweh oder Zündlumpen haben jemals ein Wort der Kritik am Antisemitismus von Querdenken geäußert. Ganz im Gegenteil verbreiten manche von ihnen bisweilen sogar selbst Verschwörungstheorien um Soros oder Rothschild. Sie tolerieren den Antisemitismus von Querdenken also und machen sich daher mitschuldig. Und wir machen uns mitschuldig, wenn wir nicht dafür sorgen, dass diese Gestalten aus der linken Bewegung baldmöglichst verschwinden.

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