Offener Brief an die LINKE München

Liebe LINKE München,

Am 14. September fand vor dem Alten Rathaus München eine Kundgebung von Palästina Spricht (PS) München u. a. statt. Anlass war der Media Tel Aviv Israel-European Summit, der im Alten Rathaus stattfand und der Vernetzung deutscher und israelischer Journalist*innen sowie jüdischer Vertreter*innen diente. Vor Ort waren etwa der Präsident des Zentralrats der Juden Josef Schuster, die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München & Oberbayern und Shoa-Überlebende Charlotte Knobloch, der Präsident der Jüdischen Studierendenunion Ron Dekel und Jessica Flaster, die Vorsitzende des Verbandes Jüdischer Studenten in Bayern. Mit Aziz Abu Sarah und Maoz Inon waren auch Vertreter der israelisch-palästinensischen Friedensbewegung geladen.

Ihr habt auf Instagram die Beteiligung Sarahs und Inons zwar gelobt, die Veranstaltung insgesamt aber scharf kritisiert.[1] Manchen Punkten – etwa der Kritik an manchen Aussagen verschiedener Teilnehmer*innen aus dem konservativen Spektrum – stimmen wir zu; dem von euch beklagten Mangel an BDS-Stimmen, also von Stimmen, die unter anderem jüdische Wissenschaftler*innen, Künstler*innen und Waren boykottieren wollen, nur weil sie aus Israel stammen – ausdrücklich nicht. Wer BDS unterstützt, untergräbt ja gerade das Anliegen Sarahs und Inons. Allerdings geht es uns weniger um eure Kritik an der Veranstaltung, sondern um euren Umgang mit der Gegenkundgebung. In eurem Instagram-Post haltet ihr angesichts des angekündigten Protests „den Unmut […] für berechtigt“. Zur Teilnahme ruft ihr zwar nicht auf – und doch haben sich wesentliche Strukturen eurer Partei an der Kundgebung beteiligt. Eure Münchner Kreissprecherin, Lara Prölß, hat auf der Demonstration beispielsweise eine Rede gehalten[2] und eure Jugendorganisation Linksjugend [’solid] hat mit einer Fahne sichtbar Präsenz gezeigt[3].

Auf der Kundgebung selbst wurden allerdings menschenverachtende und gewaltverherrlichende Sprechchöre wie „Death to the IDF“, „Palästina darf sich wehren auch mit Steinen und Gewehren“ oder „Zionisten sind Rassisten, Kindermörder und Faschisten“ gerufen. In einem Redebeitrag wurden die Teilnehmenden des Summits als „ideologische Nachfolger“ von Joseph Goebbels bezeichnet – also auch Shoa-Überlebende wie Knobloch. Zwischen den palästinensischen Fahnen wehte auch ungestört eine des iranischen Regimes, das bekanntlich LGBTQIA+ und Kritiker*innen hinrichtet, Frauen zwangsverschleiert, Gewerkschaften aufs Blut bekämpft, die politische Herrschaft der Bazaaris zementiert hat, die Shoa leugnet und Israel vernichten will. Politisch ist der Iran kein Bündniskandidat für die Münchner Linke. Was wohl ist der Hybrid-Klebstoff, der all diese Widersprüche in den Hintergrund rücken lässt?

Das Wasser des Fischbrunnens vor dem Neuen Rathaus wurde zudem rot gefärbt. Damit soll wohl symbolisch zum Ausdruck gebracht werden, dass die Teilnehmenden der Veranstaltung für Blutvergießen verantwortlich sind. In Kombination mit dem Brunnen und dem Kindermörder-Ruf geht die Symbolik aber noch viel tiefer: Jüdinnen*Juden wurde Jahrhunderte lang unterstellt, Brunnen zu vergiften, um die christliche Bevölkerung auszurotten, und Kinder zu töten, um ihr Blut für religiöse Zeremonien zu verwenden. Im christlichen Europa ereigneten sich aus diesem Grund geradezu regelmäßig Massaker an und Exekutionen von Jüdinnen*Juden über die Jahrhunderte – auch in München. Das erste dokumentierte Pogrom an Jüdinnen*Juden in München, das 1285 direkt hinter dem Neuen Rathaus stattfand, wurde mit einem angeblichen Ritualmord begründet.  

Der mit Blut vergiftete Brunnen – verbunden mit „Kindermörder Israel“-Rufen – bringt zwei zentrale antisemitische Topoi so gut auf den Punkt, dass eine vergleichbare Kulmination und Bildsprache in der Geschichte des Antisemtismus zwar zu finden sein wird, aber so leicht auch wieder nicht. 

Auch migrantische Aktivist*innen aus arabischen bzw. islamischen Herkunftsregionen können von der europäischen Kulturgeschichte beeinflusst sein. Die Ritualmord- und die Brunnenvergiftungslegenden wurden – durch christliche Missionare wie auch durch eine Bündnispolitik islamistischer Führungsfiguren mit dem Nationalsozialismus – erfolgreich in Länder mit islamischen Mehrheiten vermittelt, wo sie bis heute auch gegen den jüdischen Staat in Stellung gebracht werden.[4] Statt vom „importierten Antisemitismus“ zu schwadronieren oder das Antisemitismusproblem in linken und muslimischen Kreisen wegzulächeln, wäre es angebracht, dieses anzusprechen und die europäische Verantwortung für den Export (!) von Antisemitismus zu adressieren – als Teil einer ganzheitlichen postkolonialen Analyse. Es gibt zahlreiche postkoloniale Kritik-Gruppen, die das breits begriffen haben.

Aber abgesehen davon dürfte eine respektable Anzahl der Teilnehmer*innen der Kundgebung eben nicht „importiert“, sondern gewöhnliche Deutsche gewesen sein – und daher zuhauf mit Schuldabwehrmotivation und nicht selten mit Nazi-Vorfahren im Gepäck.

Gerade deshalb ist es perfide, eine solche Rhetorik und Symbolik um Faschismus, Kindertötungen, Blutflüsse und Brunnenmorde denen an den Kopf zu werfen, die seit jeher genau deswegen – auch vom Faschismus – verfolgt wurden. Zur Erinnerung: Im Alten Rathaus sprach eine Shoa-Überlebende; und Vertreter*innen der größten jüdischen Organisationen Deutschlands, Bayerns und Münchens waren anwesend, also auch Nachkommen von Shoa-Überlebenden. Jüdinnen*Juden pauschal als Faschist*innen, Kindermörder*innen und Brunnenvergifter*innen zu beschimpfen, geht über die Kritik an israelischer Politik und rechten Journalist*innen hinaus – und verkehrt sich dadurch ins Gegenteil. Das ist keine Kritik am politischen Wahn, der allerorts übergriffig ist, sondern politischer Wahn selbst. 

Dass die Organisation PS eine antisemitische Demonstration gestaltet, erstaunt uns wenig. Wir warnten euch wie andere linke Strukturen seit Jahren vor einer Zusammenarbeit mit PS, die den größten Massenmord an Jüdinnen*Juden seit der Shoa am 7. Oktober 2023 offen zelebrierten. Und trotzdem beteiligen sich Solid und eure Sprecherin an dieser Kundgebung, ohne dass ein Wort der Kritik oder Distanzierung von diesen Parolen und Aktionen über ihre Lippen gekommen wäre – und auch aus Münchner Parteikreisen ist keine Kritik vernehmbar. 

Charlotte Knobloch musste vergangene Woche ihre Teilnahme an einer Veranstaltung mit Ronen Steinke absagen, weil unbekannte AfD-Anhänger*innen damit gedroht hatten, sie zu erhängen.[5] Wir warten jetzt noch auf eure empörte Reaktion darauf. Aber statt dass ihr euch mit einer Shoa-Überlebenden und Vertreterin der größten jüdischen Gemeinde Deutschlands solidarisiert und die AfD zur Verantwortung für die antisemitischen Entgleisungen ihrer Anhängerschaft zieht – unterstützt ihr eine Kundgebung, die selbst für solche Entgleisungen sorgt. 

Wenn ihr nicht wollt, dass der Eindruck entsteht, ihr würdet euch mit der Schwungmasse der AfD in einem Wettbewerb um den Titel der judenfeindlichsten Bewegung Münchens befinden, solltet ihr euch von der Kundgebung und den erwähnten Parolen und Aktionen distanzieren und diese verurteilen. Eine Entschuldigung bei Charlotte Knobloch und IKG wäre angebracht.

Kritisch-solidarische Grüße,

das LBGA

[1] https://www.instagram.com/p/DdQ7dU7ju5D/?img_index=1, zuletzt aufgerufen am 15.09.2026.

[2] https://www.instagram.com/reels/DdRlH2DiNsN/, zuletzt aufgerufen am 15.09.2026.

[3] https://www.instagram.com/p/DdTok3-Eq5B/, zuletzt aufgerufen am 15.09.2026.

[4] Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Ritualmordlegende#D%C3%A4monisieren_des_Staates_Israel, https://jewishjournal.com/commentary/opinion/388784/from-poisoned-wells-to-rape-dogs-the-medieval-logic-behind-modern-anti-israel-lies/, zuletzt aufgerufen am 15.09.2026.

[5] https://www.sueddeutsche.de/muenchen/muenchen-morddrohung-charlotte-knobloch-absage-spaenle-li.3546050, jeweils zuletzt aufgerufen am 15.09.2026.

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