Zur Verleihung des Ernst-Hoferichter-Preises 2019 an Dieter Hanitzsch

Am 24. Januar wird der Ernst-Hoferichter-Preis an Christine Wunnicke und Dieter Hanitzsch verliehen. Während der Münchner Kulturreferent Hans-Georg Küppers den Preis vergibt, hält der ehemalige Oberbürgermeister Christian Ude die Laudatio.[1] Dieser Preis wird von der Stadt München seit 1975 an Autor*innen aus München und Umgebung vergeben, die sich um „Weltoffenheit und Humor“ bemühten, und ist mit 5000 Euro dotiert. [2] Wir kritisieren die Entscheidung, diesen Preis ausgerechnet an Hanitzsch zu verleihen, der in der Vergangenheit häufiger durch antisemitische Karikaturen aufgefallen ist. Dass es in der offiziellen Begründung heißt, er beherrsche das Zeichnen „ziemlich exzellent sogar, was hierzulande (beinahe) jeder zu schätzen weiß“[3], lässt tief blicken über die Zustände in diesem Land. Von einer Sensibilisierung der Bevölkerung für Antisemitismus kann angesichts dieser Einschätzung jedenfalls keine Rede sein.
 
Erst letztes Jahr hat Hanitzsch einen Skandal provoziert, der ihm das Arbeitsverhältnis mit der Süddeutschen Zeitung gekostet hat.[4] Anlass war eine Karikatur, in der der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu in Gestalt der Sängerin Netta, die den letztjährigen Eurovision Song Contest gewonnen hat, eine Rakete in der Hand hält. Aufgrund der dargestellten Physiognomie wie der fleischigen Nase, den abstehenden Ohren und der Verweiblichung werden eine Reihe von Stereotypen aus der antisemitischen Tradition, wie sie sich auch im NS-Blatt Stürmer fanden, reproduziert. Die Rakete, die er in der Hand hält, lässt ihn zum einseitigen Aggressor werden. In einem Interview mit der Abendzeitung betont Hanitzsch auch die Sorge um den „Säbel“, mit dem Netanjahu in „Richtung Iran“ rasseln würde[5] – während er zugleich die regelmäßigen Vernichtungsdrohungen der iranischen Regierung gegenüber dem jüdischen Staat verschweigt. Insofern ließe sich seine Karikatur auch als Ausdruck einer Täter-Opfer-Umkehr, einem weiteren klassisch antisemitischen Motiv, deuten. Nicht zuletzt finden sich in der Karikatur mehrere Hinweise, die das gesamte Judentum in Kollektivverantwortung für das Treiben Netanjahus nehmen: Einmal der Davidstern, das religiöse Symbol des Judentums, das anstelle des „v“ in „Eurovision Song Contest“ prangt, sowie der Ausspruch „Nächstes Jahr in Jerusalem!“, der Netanjahu/Netta in den Mund gelegt wird – wobei es sich um einen Ausspruch aus der Zeit der Diaspora handelt[6].
 
Für diese antisemitische Karikatur belohnt wurde er mit einer Anstellung bei der Abendzeitung[7], die seitdem wöchentlich mit seinem Gesicht wirbt, mit einer völlig apologetischen Veranstaltung mit Wolfgang Heubisch (ehemaliger bayerischer Wissenschaftsminister und FDP-Direktkandidat für München-Schwabing zur Landtagswahl 2018) zum Thema „Was darf Karikatur“[8] – und nun auch noch mit einem Münchner Stadtpreis. Das wiegt umso schwerer, als dass Hanitzsch stets betonte, „er sei sich keiner Schuld bewusst und bereue nichts“[9]. Von Einsicht oder wenigstens Verständnis für die Empörung der jüdischen Bevölkerung folglich keine Spur.

Auch der Kulturreferent Küppers reagiert mit Abwehrhaltung und einem Strohmann-Argument: „Selbst wenn die in Rede stehende Karikatur – die vielleicht nicht zu seinen gelungensten gehört – fehlinterpretiert werden kann, ist der Vorwurf, Dieter Hanitzsch sei ein Antisemit, auch mit Blick auf sein Lebenswerk, untragbar.“ Zu Recht heißt es dazu im Tagesspiegel: „Allerdings hatte kaum jemand Hanitzsch als Antisemiten bezeichnet, wohl aber seine Karikatur als antisemitisch.“[9] Auch von unserer Seite gab es nie die Behauptung, Hanitzsch sei Antisemit. Kritik für seine Zeichnungen muss er sich dennoch gefallen lassen. Diejenige vom vergangenen Jahr war nämlich auch nicht die einzige, mit der er einen Antisemitismus-Skandal provozierte: Bereits 2016 veröffentlichte er eine Karikatur auf das geplante Freihandelsabkommen TTIP, die mit dem antisemitischen Symbol der Krake hantiert.[10]
 
Kurzum: Wir kritisieren diese Preisverleihung und erklären uns solidarisch mit der jüdischen Bevölkerung, die sich Karikaturen dieser Art in großen deutschen Tageszeitungen auch heute noch über sich ergehen lassen muss. Dem Aufruf zu Protesten vor Ort schließen wir uns an.

 

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Die kontrovers diskutierte Karikatur von Hanitzsch aus dem Jahr 2018

 

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Links eine Karikatur von Hanitzsch aus dem Jahr 2016, rechts zum Vergleich eine antisemitische Karikatur aus dem Stürmer.

 

 
 
 
 
 
[6] Zu den einzelnen Stereotypen, mit Abbildung der Karikatur: https://www.tagesspiegel.de/medien/nach-netanjahu-karikatur-sueddeutsche-zeitung-trennt-sich-von-dieter-hanitzsch/22579666.html, zuletzt aufgerufen am 13. 1. 2019.
 
 
 

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