Stellungnahme zur Kritik an einer geplanten Veranstaltung mit Klaus Holz

Am 17. Januar 2018 veranstalten wir vom Linken Bündnis gegen Antisemitismus München einen Vortrag mit Klaus Holz in der Europäischen Janusz-Korczak-Akademie in München unter dem Titel „Was ist Antisemitismus?“. In den letzten Tagen gab es kritische Stimmen in Bezug auf seine Einladung, die mit einem Artikel in der Jungle World vom 13. November 2002 begründet wird, den Klaus Holz gemeinsam mit zwei weiteren Personen abgefasst hat.[1]

 

Um exemplarisch einen Kommentar zu zitieren, der unsere Veranstaltung kritisiert: „Was ist Antisemitismus? Wie praktisch, dass der Vortragende als dann auch gleich als Anschauungsobjekt dient […].“[2] Auf diese und weitere Kommentare möchten wir als Bündnis im Folgenden eingehen.

 

Zunächst distanzieren wir uns ausdrücklich von den Äußerungen des betreffenden Artikels in der Jungle World. In diesem Artikel wird Israel in die Nähe eines Apartheidsregimes gebracht, seine Politik gegenüber den Palästinensern als „Staatsterrorismus“ bezeichnet und die terroristischen Aktionen von palästinensischer Seite als Reaktion auf diesen Staatsterrorismus rationalisiert. Eine existenzielle Bedrohung Israels wird bestritten, auf den Antisemitismus führender palästinensischer Organisationen ebensowenig eingegangen wie auf die Alleinverantwortung arabischer Staaten für den Israelischen Unabhängigkeitskrieg 1947-1949, in dessen Zuge es (nicht zuletzt durch arabische Armeen selbst) zu Vertreibungen ansässiger Araber*innen kam. Das alles war damals schon falsch und ist es heute immer noch. 

 

Wir möchten allerdings auch darauf verweisen, dass Klaus Holz seine Ansichten zum islamistischen Antisemitismus und zum Nahostkonflikt gründlich modifiziert hat. In einem 2009 erschienenen Forschungsaufsatz betont er die Bedeutung einer traditionellen religiös motivierten Judenfeindschaft im Islam als Hintergrund der Entstehung des islamistischen Antisemitismus ebenso wie die zentrale Rolle Amin al-Husseinis, des Muftis von Jerusalem, für seine Entwicklung und Verbreitung; angesprochen werden sowohl dessen Zusammenarbeit mit dem Nationalsozialismus wie auch die Bezugnahme auf die Protokolle der Weisen von Zion.[3] Darüber hinaus wird die Wesensverwandtschaft des Antisemitismus mit dem Antizionismus betont, weshalb Israel zum Hauptfeind islamistischer Bewegungen geworden ist.[4] Anschließend wird die antisemitische Semantik islamistischer Judenfeindschaft und ihr Zusammenhang mit dem europäischen Antisemitismus ebenso herausgestrichen wie ihre Projektion auf „die Zionisten“ und Israel. Neben mehrere anderen Quellen wird hierzu auch die Charta der Hamas eingehend analysiert.[5] Oder um Holz selbst sprechen zu lassen: „Aus diesem gesellschaftlichen Kontext aber erklärt sich der Antisemitismus nicht. Er ist, wie im Kapitel über den islamistischen Antisemitismus gezeigt, keine Folge des Nahost-Konfliktes.“[6] „Ich behaupte […], daß der antizionistische Antisemitismus nicht neuartig ist. Vielmehr etabliert sich gegenwärtig eine Konstellation, in der gerade diese Spielart des Antisemitismus die unterschiedlichsten politischen Lager verbindet. Im antizionistischen Antisemitismus können sich der islamistische, der rechtsradikale, der marxistischleninistische, der globalisierungskritische und der demokratische Antisemitismus treffen. Hierfür sind die (allerdings nicht neue) Legitimation des Antisemitismus als Antirassismus und Antifaschismus und die damit verbundene Camouflage des Antisemitismus als Antizionismus wesentlich. Denn die antirassistische Legitimation und die antizionistische Camouflage erlauben scheinbar die Integration des Antisemitismus nach der Shoah in demokratische, linke und universalistische Ideologien.“[7]

 

Aus diesen Gründen sehen wir es als gegeben an, dass die im Jungle-World-Artikel von 2002 vertretenen Positionen von Klaus Holz heute nicht mehr vertreten werden.
Entscheidend für seine Einladung von uns nach München ist demgegenüber vielmehr sein Beitrag zur sozialwissenschaftlichen Antisemitismusforschung. In seiner 2001 erschienenen Habilitationsschrift unter dem Titel „Nationaler Antisemitismus. Wissenssoziologie einer Weltanschauung“[8] untersucht er verschiedene antisemitische Texte aus unterschiedlichen Kontexten auf ihre Semantik. Berücksichtigt werden dabei Texte aus dem 19. Jahrhundert und von Adolf Hitler ebenso wie aus dem marxistisch-leninistischen Antizionismus und dem Schuldabwehr-Antisemitismus im Zusammenhang mit der Kurt-Waldheim-Affäre. Dabei gelingt es ihm, mit der „Figur des Dritten“ die Rolle der Jüdinnen*Juden in der antisemitischen Semantik, die kontextunabhängig allen antisemitischen Äußerungen gemein ist, ebenso deutlich herauszustellen wie die konstitutive Bedeutung des Nationalismus. Darüber hinaus gelang ihm mit der Arbeit auch, das Verhältnis zwischen Antisemitismus und Rassismus genauer herauszuarbeiten, die viel zu häufig in eins gesetzt werden. Samuel Salzborn würdigt das Werk von Klaus Holz  mit folgenden Worten: „Im Rahmen der auf der mesosozialen Ebene angesiedelten sozialwissenschaftlichen Theorien über den Antisemitismus kommt der soziologischen Habilitationsschrift von Klaus Holz, die unter dem Titel ‚Nationaler Antisemitismus. Wissenssoziologie einer Weltanschauung‘ (2001) publiziert wurde, eine zentrale Bedeutung zu. Denn Holz arbeitet in seiner Studie nicht nur wesentliche Züge der Kommunikations- und Interaktionsstruktur antisemitischer Ressentiments im gesellschaftlich-kulturellen Raum heraus, sondern stützt sich selbst auf eine umfangreiche qualitative Empirie, so dass seine Arbeit die erste und bisher einzige sozialwissenschaftliche Antisemitismus-Theorie ist, für die selbst weitreichende empirische Analysen angestellt wurden, die auch explizit mit in die Theorieformulierung eingeflossen sind.“[9]

 

Für die moderne Antisemitismusforschung hat die Arbeit von Klaus Holz folglich einen hohen Stellenwert, was für uns Grund genug war, ihn einzuladen, um seine Thesen zu diskutieren. Zugleich erkennen wir eine Problematik in der Diskrepanz zwischen der Verbreitung von Zeitungsartikeln und von wissenschaftlichen Arbeiten, die nicht allein für den vorliegenden Fall besteht. Ein Zeitungsartikel wie der in der Jungle World aus dem Jahr 2002 ist leichter aufzutreiben und zu konsumieren als wissenschaftliche Fachartikel oder Bücher – und prägt daher das öffentliche Bild einer Person auch entscheidender. Als unsere Aufgabe als Linkes Bündnis gegen Antisemitismus München sehen wir es allerdings auch an, wissenschaftliche Diskurse und Debatten zu einem besseren Antisemitismusverständnis einem breiteren Publikum zugänglich zu machen und hoffen mit der Einladung von Klaus Holz dazu einen Beitrag zu leisten. Daher rufen wir dazu auf, die Veranstaltung zu besuchen und sich an der gerne auch kontroversen, solange sachlichen, Debatte zu beteiligen.
 
 
 
[3] Klaus Holz, Michael Kiefer, Islamistischer Antisemitismus. Phänomen und Forschungsstand, in: Guido Follert und Wolfram Stender (Hg.), Konstellationen des Antisemitismus. Perspektiven politischer Bildungsarbeit. Wiesbaden 2009, S. 110-111.
 
[4] Ebd., S. 111-113.
 
[5] Ebd., S. 119-126.
 
[6] Klaus Holz, Die Gegenwart des Antisemitismus. Islamische, demokratische und antizionistische Judenfeindschaft. Hamburg 2005, 107.
 
[7] Ebd., 108-109.
 
[8] Klaus Holz, Nationaler Antisemitismus. Wissenssoziologie einer Weltanschauung. Hamburg 2001.
 
[9] Samuel Salzborn, Antisemitismus als negative Leitidee der Moderne. Sozialwissenschaftliche Theorien im Vergleich. Frankfurt am Main u.a. 2010, 181-182.

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