Das Rechtsextremismusproblem der Münchner CSU: Zur Veranstaltung mit Thilo Sarrazin bei der Jungen Union München Nord am 14. Mai 2025 [korrigiert und ergänzt am 18. Mai 2025]

Am 14. Mai plant die Junge Union (JU) München Nord, ein örtlicher Kreisverband der Jugendorganisation von CDU und CSU, eine Veranstaltung mit dem Publizisten, früheren SPD-Politiker und ehemaligen Berliner Finanzsenator Thilo Sarrazin. Öffentlich beworben wird sie jedoch nicht: Vielmehr scheint es sich um eine interne Veranstaltung zu handeln; das Wirtshaus, in dem sie stattfinden wird, wird erst nach individueller Anmeldung bekannt gegeben. Öffentlich bekannt wurde die Veranstaltung, weil der Rechtsextremismusforscher Miro Dittrich und das ehemalige CDU-MdB Ruprecht Polenz das öffentlich gemacht haben.[1] 

Die Münchner CSU bewirbt sie laut Polenz und signalisiert damit ihre Zustimmung zu den Inhalten:

Über die Gründe dieser Heimlichtuerei wird man nicht lange sinnieren müssen: Sarrazin ist seit seinem 2010 veröffentlichten Bestseller „Deutschland schafft sich ab“ ein bekannter Vertreter von Thesen, die als eugenisch, sozialdarwinistisch und rassenhygienisch klassifiziert werden und mit fehlerhaften Statistiken und falschen Fakten begründet worden sind. „Leute wie Sarrazin liefern ideologische Komponenten für eine Bevölkerungspolitik, die sich gegen Alte, Arme, Behinderte, Kranke und Migranten richtet und eine ‚positive Eugenik‘, die Förderung des Nachwuchses von erwünschten Gruppen, beinhaltet“, urteilte etwa der Publizist Peter Bierl in der Jungle World, um nur ein Beispiel aus der unüberschaubaren Debatte zu liefern.[2] Auch wissenschaftlich wurden seine Auffassungen stark kritisiert. So urteilt etwa die Politologin Gudrun Hentges: „Sarrazins Prämissen, Thesen und Argumente entstammen u.a. dem Arsenal der rassistischen Ideologie, er stellt sich damit in die Tradition rassistischen Denkens und Handelns.“[3] Die Kontroverse führte dazu, dass Sarrazin 2020 aus der SPD ausgeschlossen wurde. Zu diesem Zeitpunkt hatte er sich schon seit einigen Jahren der extremen Rechten angenähert: So nahm er bereits 2013 an einer Konferenz der rechtsextremen Zeitschrift Compact teil, was einen veritablen Medienskandal auslöste[4]; dass er bis heute regelmäßig der ebenso rechtsextremen Zeitung „Junge Freiheit“ Interviews gibt, löst demgegenüber nur noch Achselzucken aus[5]. Wegen dieser und anderer Thesen, etwa auch zum Euro, gilt Sarrazin als Vordenker der rechtsextremen AfD.[6] Unserer Auffassung nach ist Sarrazin wegen der von ihm verbreiteten Inhalte und seines persönlichen Netzwerks selbst als rechtsextremer Akteur aufzufassen. Dass Sarrazin dieses Jahr eine kommentierte Neuauflage seines Buches herausgebracht hat, dürfte Anlass für seine Einladung gewesen sein.

Sarrazin löste nach der Veröffentlichung der Erstauflage seines Buches übrigens auch einen Antisemitismus-Skandal aus. In einem Interview mit der Berliner Morgenpost im selben Jahr behauptete er: „Alle Juden teilen ein bestimmtes Gen […].“ Der Zentralrat der Juden verurteilte diese Aussage damals zu Recht als „Rassenwahn“.[7] Sarrazin veröffentlichte daraufhin eine „Erklärung“, in der er sich für „Irritationen und Missverständnisse“ entschuldigte, sich auf seriöse genetische Studien stützte, die „in höherem Maße gemeinsame genetische Wurzeln heute lebender Juden“ postulierten, wobei damit „keinerlei Werturteil verbunden“ sei, da „im Zentrum meines Buches […] kulturelle Faktoren“ stünden. Daher seien seine Aussagen „[p]olitisch […] neutral“ und keine „rassistische Äußerung“.[8] Damit ebbte die Diskussion um Antisemitismus in Sarrazins Werk ab.

So einfach, wie Sarrazin es sich macht, ist es jedoch nicht. Mehr noch: In seinem Buch spricht er von „der genetischen Komponente von Intelligenz“ und „dass Intelligenz zum Teil erblich“ sei, wobei er ausführlich auf den „ermittelte[n] Intelligenzvorsprung der europäischen Juden“ eingeht und „die durchschnittliche höhere Intelligenz der Juden“ mit einem „außerordentlichen Selektionsdruck“ in Verbindung bringt.[9] Es geht also nicht nur um „kulturelle Faktoren“ und wertfreie Feststellungen genetischer Gemeinsamkeiten der jüdischen Bevölkerung: Sarrazin spricht ausdrücklich von einer überdurchschnittlich hohen Intelligenz von Jüdinnen*Juden und führt diese auf genetische Ursachen zurück. Die „Erklärung“ Sarrazins war also nichts als eine Nebelkerze. Das Stereotyp einer genetisch bedingten höheren Intelligenz der jüdischen Bevölkerung reicht historisch bis ins 19. Jahrhundert zurück und wurde im Kontext des damals virulenten biologischen Rassismus entwickelt.[10] 

Sarrazin selbst verweist bei seinen Ausführungen in einer Endnote auf die Studie „A People That Shall Dwell Alone: Judaism as a Group Evolutionary Strategy“ des US-amerikanischen Psychologen Kevin B. MacDonald aus dem Jahr 1994. MacDonalds Thesen, die das Judentum evolutionspsychologisch erklären, wurden von anderen Wissenschaftler*innen als antisemitisch und unwissenschaftlich zurückgewiesen.[11] Auch die Anti-Defamation-League (ADL) bezeichnet MacDonald offen als rechtsextremen Antisemiten aufgrund seiner Äußerungen in anderen Veröffentlichungen.[12] So unterstellt er Jüdinnen*Juden, eine Umvolkung der weißen amerikanischen Bevölkerung anzuvisieren: „Jews won the culture war without a shot being fired and without the losing side seeming to realize that it was, a war with real winners and real losers — where the losers have not only given up their cultural preeminence, but have failed to stand up to the ultimate denouement: demographic displacement from lands they had controlled for centuries.“ Zum Slogan „The Jews will not replace us“ der US-amerikanischen Alt Right, der bei den rechtsextremen Ausschreitungen in Charlottesville 2017 skandiert wurde, ließ man sich ausdrücklich von MacDonalds Thesen inspirieren.[13] MacDonald selbst ist zudem Herausgeber der rechtsextremen antisemitischen Zeitschriften „Occidental Observer“ und „Occidental Quaterly“.[14] Der frühere Leiter des Ku Klux Klans David Duke erklärte, in seinen Auffassungen von einem „Jewish Supremacism“ maßgeblich von MacDonald beeinflusst worden zu sein.[15] MacDonalds Einfluss auf den Antisemitismus der US-amerikanischen extremen Rechten ist also nicht zu unterschätzen. Entsprechend unglaubwürdig ist die Versicherung Sarrazins, seine Auslassungen über jüdische Gene, die er von MacDonald übernommen hat, seien unpolitisch. An alledem ändert auch Sarrazins Verweis auf jüdische Intelligenzforscher aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg nichts, den er auch in seiner Neuausgabe eigens bekräftigt, um sie als „token jews“ gegen Antisemitismus- und Rassismusvorwürfe in Stellung zu bringen.[16]

Die Behauptung einer überdurchschnittlichen jüdischen Intelligenz ist daher auch kein Kompliment. Vielmehr demonstrieren Sarrazin und MacDonald eindrücklich, dass sich auch rassistisch begründeter Antisemitismus von herkömmlichen Formen von Rassismus signifikant unterscheidet. Entscheidend für den Antisemitismus ist die Vorstellung einer jüdischen Überlegenheit, während andere rassifizierte Minderheiten in der Regel als unterlegen imaginiert werden: Jüdinnen*Juden wird unterstellt, mächtig und reich zu sein, während andere „Rassen“ als unzivilisiert, wild und triebhaft gelten.[17] MacDonald führt die angeblichen Umvolkungspläne von Jüdinnen*Juden ja gerade auch auf ihre Intelligenz zurück: Aufgrund dieser Eigenschaft gelten Jüdinnen*Juden im rechtsextremen Weltbild als gefährlich. Auch der Nationalsozialismus imaginierte das Judentum als eine überlegene, gefährliche und mächtige Verschwörung – und fand mit den Massenerschießungen und den Gaskammern eine radikale Lösung.

Man kann nun entgegnen, dass sowohl das Buch als auch das Interview mit der Morgenpost 15 Jahre her seien. Allerdings ist eine Distanzierung Sarrazins von den zustimmend rezipierten Thesen des Antisemiten MacDonald nicht bekannt und findet sich auch nicht in der 2025 erschieben Neuauflage, die die angesprochenen Stellen und den Verweis auf MacDonald unverändert abgedruckt hat[18]; lediglich im Vorwort der Neuausgabe von 2012, die auch in der Neuausgabe abgedruckt wurde, geht er knapp auf den Antisemitismusskandal von 2010 ein, wiederholt im Wesentlichen seine unglaubwürdige „Erklärung“ von einst und sieht sich auch vonseiten des Zentralrats der Juden zu Unrecht des Antisemitismus und Rassismus geziehen[19]. Offenkundig haben sich seine Vorstellungen von der genetisch bedingten jüdischen Intelligenz bis heute nicht geändert.

Warum die JU ihm jetzt ein Podium bietet und die CSU dafür Werbung macht, hängt vermutlich mit der bilanzierenden Neuauflage seines Buches zusammen. Er hätte „die Zustände in Deutschland, die uns heute sehr stören, ziemlich präzise vorausgesagt“, heißt es in den Worten des Vorsitzenden der JU München Nord, Alexander Rulitschka, in der Veranstaltungsankündigung; dafür sei Sarrazin „mit Ausgrenzung und Verachtung gestraft“ worden, ungeachtet seiner kommerziellen Erfolge[20] und seiner bis heute ungebrochen großen Medienpräsenz[21]. Wahrscheinlich wird damit auf die aktuelle Migrationsdebatte angespielt, zu der Sarrazin eine deutlich fremdenfeindliche und nationalistische Meinung vertritt. Dass ausgerechnet in München, der ehemaligen „Hauptstadt der Bewegung“, in der sich heute die größte jüdische Gemeinde mit einer Shoa-Überlebenden als Präsidentin befindet, die JU München Nord einem solchen unserer Auffassung nach rechtsextremen Akteur eine Plattform bietet und die CSU – in Bayern die Regierungspartei – diese Veranstaltung auch noch bewirbt, ist nicht nur besorgniserregend, sondern auch eine Schande und konterkariert alle Aussagen der Union bezüglich des Schutzes jüdischen Lebens. Umso mehr, da Rulitschka als bayerischer Vertreter Mitglied des Deutschlandrats der JU ist[22], einer Art erweiterter Bundesvorstand. Solche Positionen führen offenbar nicht zur Isolation, sondern werden im Gegenteil sogar noch honoriert. Es wäre an der Zeit, wenn die JU ein Rechtes Bündnis gegen Antisemitismus ins Leben ruft …

Korrektur: Wir haben in der ursprünglichen Fassung behauptet, dass Sarrazin im Vorwort der Neuausgabe seines Buches von 2025 auf den Antisemitismusskandal von 2010 eingeht; tatsächlich tat er das im Vorwort der Auflage von 2012, die in der aktuellen Neuausgabe mit abgedruckt wurde. Zudem haben wir die Bewerbung durch die CSU als Newsletter bezeichnet, wobei es nicht gesichert ist, ob es sich tatsächlich um ein Newsletter handelt. Wir haben den Ausdruck „Newsletter“ daher entfernt.

Ergänzung: Wir haben im fünften Absatz noch einen Satz zur Verwendung jüdischer Intelligenzforscher aus der Vorkriegszeit durch Sarrazin als „token jews“ ergänzt.

[1] https://www.threads.com/@ruprechtpolenz/post/DJEdtX-NoO0/die-spd-schmei%C3%9Ft-ihn-wegen-seiner-rassistischen-thesen-raus-die-ju-m%C3%BCnchen-nord-https://bsky.app/profile/mirod.bsky.social/post/3lnzwb6ut5k2i, zuletzt aufgerufen am 02.05.2025.

[2] https://jungle.world/artikel/2011/19/der-mensch-ist-keine-fruchtfliege, zuletzt aufgerufen am 02.05.2025.

[3] https://web.archive.org/web/20120105151733/http://www.fh-fulda.de/fileadmin/Fachbereich_SK/Professoren/Hentges/Sarrazin_24.8.2011.pdf, zuletzt aufgerufen am 03.05.2025.

[4] https://www.tagesspiegel.de/kultur/thilo-sarrazin-als-stargast-bei-homophoben-treffen-3531181.html, zuletzt aufgerufen am 02.05.2025.

[5] Beispielhaft drei Interviews von 2024 und 2025: https://jungefreiheit.de/debatte/interview/2025/thilo-sarrazin-die-hasserfuellten-anfeindungen-haben-den-erfolg-noch-gesteigert/https://jungefreiheit.de/debatte/interview/2024/thilo-sarrazin-im-jf-tv-interview-deutschland-hat-sich-abgeschafft/https://jungefreiheit.de/debatte/interview/2024/sarrazin-viel-schlimmer-als-ich-prognostiziert-habe/, jeweils zuletzt aufgerufen am 02.05.2025.

[6] https://www.morgenpost.de/politik/article408289203/thilo-sarrazin-in-einem-punkt-habe-ich-mich-kraeftig-geirrt.html, zuletzt aufgerufen am 03.05.2025.

[7] https://www.morgenpost.de/printarchiv/titelseite/article104532500/Thilo-Sarrazin-Ich-bin-kein-Rassist.html, zuletzt aufgerufen am 02.05.2025.

[8] https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/sarrazin/die-thesen/sarrazins-biologismus-phantasma-juden-gen-11028466.html, zuletzt aufgerufen am 02.05.2025.

[9] Thilo Sarrazin, Deutschland schafft sich ab. Wie wir unser Land aufs Spiel setzen. München 2010, 93-96, Zitate ebd.

[10] https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezension-sachbuch-genie-im-profil-132877.html, zuletzt aufgerufen am 02.05.2025.

[11] Vgl. https://web.archive.org/web/20041214083219/http://www.psych.ucsb.edu/research/cep/slatedialog.html, zuletzt aufgerufen am 02.05.2025.

[12] https://www.adl.org/resources/news/kevin-macdonald, zuletzt aufgerufen am 02.05.2025.

[13] https://extremism.gwu.edu/sites/g/files/zaxdzs5746/files/Antisemitism%20as%20an%20Underlying%20Precursor%20to%20Violent%20Extremism%20in%20American%20Far-Right%20and%20Islamist%20Contexts%20Pdf.pdf, S. 7-8, zuletzt aufgerufen am 02.05.2025.

[14] https://www.adl.org/resources/news/occidental-observer-online-anti-semitisms-new-voice, zuletzt aufgerufen am 02.05.2025.

[15] https://web.archive.org/web/20130723074958/http://www.splcenter.org/get-informed/intelligence-report/browse-all-issues/2007/spring/promoting-hate, zuletzt aufgerufen am 02.05.2025.

[16] Thilo Sarrazin, Deutschland schafft sich ab. Die Bilanz nach 15 Jahren. München 2025, 152-154, 157. Zu Token Jews s. https://www.ajc.org/translatehate/tokenizing, zuletzt aufgerufen am 05.05.2025.

[17] Peter Ullrich u. a., Was ist Antisemitismus. Begriffe und Definitionen von Judenfeindschaft. Studien zu Ressentiments in Geschichte und Gegenwart 8. Göttingen 2024, 80-81.

[18] Thilo Sarrazin, Deutschland schafft sich ab. Die Bilanz nach 15 Jahren. München 2025, 150-152.

[19] Ebd., 21-22.

[20] Auch seine weiteren Bücher wurden Bestseller, vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Der_neue_Tugendterrorhttps://de.wikipedia.org/wiki/Feindliche_%C3%9Cbernahme:_Wie_der_Islam_den_Fortschritt_behindert_und_die_Gesellschaft_bedroht, vgl. auch kritisch dazu https://www.buchreport.de/news/ein-opfer-das-sich-gut-verkauft/, jeweils zuletzt aufgerufen am 03.05.2025.

[21] Nur beispielhaft: Sarrazin wurde auch 2024/25 noch von konservativen Leitmedien wie Focus oder Welt hofiert, s. https://www.focus.de/politik/meinung/deutschland-auf-der-schiefen-bahn-sarrazin-in-neuem-buch-anteil-ethnischer-deutscher-wird-immer-kleiner-werden_id_260204880.htmlhttps://www.welt.de/politik/deutschland/article255883550/Thilo-Sarrazin-Die-SPD-verweigert-grundlegende-Einschnitte-bei-Migration-und-Asyl.html, jeweils zuletzt aufgerufen am 03.05.2025.

[22] https://unionlive.de/homepages/junge-union-muenchen-nord/aktuelles/alex-rulitschka-als-deutschlandrat-wiedergewaehlt/, zuletzt aufgerufen am 03.05.2025.

2 Kommentare zu „Das Rechtsextremismusproblem der Münchner CSU: Zur Veranstaltung mit Thilo Sarrazin bei der Jungen Union München Nord am 14. Mai 2025 [korrigiert und ergänzt am 18. Mai 2025]

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