So denkt es in der Pro-Hamas-Bubble: Dokumentation eines Shitstorms

Anlässlich der aktuellen öffentlichen Debatte um die antisemitischen Ausschreitungen in Amsterdam haben wir am 9. November folgenden Tweet auf X gesetzt:

Da manche den #AmsterdamPogrom mit dem Abreißen einer Pali-Fahne durch Maccabi-Ultras „kontextualisieren“: Auf Hamas-Demos werden immer wieder Israel-Fahnen verbrannt, auch hierzulande. Niemand muss deswegen eine Hetzjagd befürchten. Kein*e Kontextualisierer*in prangert sowas an.

Zur Einordnung: In Deutschland werden durch mutmaßliche Hamas-Sympathisant*innen regelmäßig israelische Fahnen verbrannt, so auch nach 7/10 etwa in Augsburg, Düsseldorf, Hanau oder in verschiedenen Orten Baden-Württembergs, bisweilen auch auf ihren Demos. Ausschreitungen von Prozionist*innen sind dadurch keine ausgelöst worden. Auch nicht durch diffamierende Parolen wie „From the River to the Sea, Palestina will be free“, „Kindermörder Israel“ oder das 2014 sehr beliebte „Hamas, Hamas, Juden ins Gas“. Nicht einmal der signifikante Anstieg körperlicher Gewalt gegen Jüdinnen*Juden in Deutschland nach 7/10 hatte dergleichen zur Folge. Im Unterschied dazu führten rassistische Parolen, die Zerstörung palästinensischer Fahnen und der Angriff auf ein Taxi durch rechte Ultras des israelischen Fußballvereins Maccabi Tel Aviv zu einer Welle an Gewalt, der vielfach und zu Recht als Pogrom bezeichnet wurde: Jüdische Israelis wurden qua Ausweiskontrolle gezielt aufgespürt, durch Straßen gehetzt, vereinzelt getreten, überfahren, mit Feuerwerkskörpern beschmissen oder in einen Kanal geworfen – ganz egal, ob sie zu den Ultras zählten oder nicht. Bis zu 30 Menschen wurden verletzt. Noch in der Nacht auf Sonntag wurden Passant*innen nach Ausweisen gefragt und Jüdinnen*Juden bedroht. Da im Vorfeld israelische Behörden niederländische Sicherheitskräfte gewarnt hatten und die Angreifer sich in Telegram-Chats abgesprochen hatten, waren die Attacken womöglich schon länger geplant. Unserer Auffassung nach demonstriert diese Eskalation das große Gewaltpotential des antizionistischen Spektrums, für das es auf prozionistischer Seite kein Äquivalent gibt. Darauf wollten wir mit unserem Tweet hinweisen.

Damit lösten wir einen veritablen Shitstorm aus, den wir im Folgenden mit ausgewählten Kommentaren dokumentieren möchten, um die hohe Aggressivität und fehlende Diskursfähigkeit der antizionistischen Bewegung zu veranschaulichen.

Bisweilen wird der antisemitische Charakter der Gewalt geleugnet, obwohl in Telegram-Gruppen der Angreifer dezidiert beschlossen wurde, „Juden zu jagen„:

Andere legitimieren die Ausschreitungen gegen jüdische Israelis mit dem indiskutablen Verhalten der Ultras:

Auch werden Fake News verbreitet, um den antisemitischen Charakter der Ausschreitungen zu leugnen, und dazu mitunter Jüdinnen*Juden instrumentalisiert:

Vereinzelt wird die Verbrennung israelischer Fahnen im Unterschied zu palästinensischen ausdrücklich gerechtfertigt. Wenn das mal kein doppelter Standard ist:

Andere begreifen nicht, dass es uns nicht um einen Whataboutism ging, sondern darum, auf das unterschiedliche Gewaltpotential hinzuweisen, das sich in unterschiedlichen Reaktionen auf ähnliche Handlungen ausdrückt:

Manche glauben offenbar, wir selbst wären Jüdinnen*Juden und unterstellen uns, victim culture zu betreiben, Täter zu sein, Lügen zu verbreiten usw.:

Manche sparen sich gleich jeden Versuch einer wie auch immer gearteten Argumentation und beschimpfen uns nur als Faschisten, Antisemiten, Lügner, Idioten, Deutsche (was uns besonders trifft!) usw. Übrigens haben wir nie jemanden als Antisemiten bezeichnet, sondern sprechen wenn dann von Antisemitismus, antisemitischen Vorstellungen, Handlungen etc.:

Andere sprechen uns ab, Linke zu sein. For the record: Wir haben nie irgendwelchen Linken aufgrund ihrer antizionistischen oder auch nur „israelkritischen“ Einstellung unterstellt, keine wahrhaft Linken zu sein.

Soweit unsere Auswahl einschlägiger Kommentare auf Twitter. Allein die schiere Menge spricht für ein strukturelles Problem dieser Blase, die Kritik und Widerspruch nicht erträgt und mit Falschbehauptungen, Beschimpfungen und Gewaltfantasien kontert. Offenbar haben wir einen Nerv getroffen. Reaktionen dieser Art kannten wir bislang nur von Burschenschaften und Verschwörungsideolog*innen, also klar rechtsextremen Milieus. Gerade am und um den Jahrestag der Novemberpogrome zeigt sich darin eine eklatante Geschichtsvergessenheit. Ein Diskurs ist auch hier schlicht nicht möglich. Wer wie wir Gespräche mit Nazis kategorisch ausschließt, sollte genauso mit solchen Hamas-Sympathisant*innen verfahren.

1 Kommentar zu „So denkt es in der Pro-Hamas-Bubble: Dokumentation eines Shitstorms

  1. Avatar von schnappi

    das ist ja schrecklich! vor allem, wenn es von accounts kommt, die sonst sehr auf correctness achten. eure frage war – ganz offen – die nach verhältnismässigkeit. wir kennen so eine diskussions-bereitschaft aus der querdenken-bubble, in die auch viele „linke“ abgedriftet sind. antisemitismus ist eine leidenschaft, die genau auf die abwehr von selbstreflektion abzielt (frei nach satre)
    volle soli von schnappi

    PS: ich finde den begriff „pogrom“ auch nicht passend, weil es keine staatliche duldung oder unterstützung gab. aber da laufen die internen ermittlungen ja noch…

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