Wer sich für das Thema Antisemitismus sensibilisieren will, sieht sich einer Unzahl an Literatur gegenüber, von der sie*er sich womöglich erschlagen fühlt. Wir möchten hier daher einen kleinen Überblick über Artikel und Bücher liefern, um einen Zugang zu erleichtern.
Online
Die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) liefert in einem Dossier auf ihrer Homepage einen ersten Überblick darüber, was Antisemitismus ist.
Die Initiative „Emanzipation & Frieden“ erläutert in einer Reihe von Artikeln Begriffe wie Antisemitismus und verwandte Phänomene wie Antiamerikanismus oder Antizionismus aus einer dezidiert linken Perspektive.
Auch auf der Homepage der Amadeu-Antonio-Stiftung findet sich ein Portal mit Texten, Projekten und Argumentationshilfen beim Thema Antisemitismus:
Nicht zuletzt veröffentlichte auch die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (RIAS) Bayern einige lesenswerte Analysen zu verschiedenen antisemitischen Phänomenen, die unterschiedliche Bereiche wie den israelbezogenen, den verschwörungsideologischen oder den christlichen Antisemitismus abdecken.
Die Fachstelle für Demokratie München veröffentlichte 2025 zudem eine Studie über die Perspektiven junger Jüdinnen*Juden in der Landeshauptstadt.
Von der Fachinformationsstelle Rechtsextremismus München (FIRM) stammen einige einschlägige Studien zu verschiedenen antisemitischen Strukturen in München, etwa zu Palästina Spricht oder Querdenken. Eine Übersicht ihrer Veröffentlichungen findet sich hier.
Bücher
Folgende Bücher bieten sich als Überblick an:
– Julius H. Schoeps/Joachim Schlör, Antisemitismus. Vorurteile und Mythen. München 1995. (Kritischer Überblick über verschiedene geläufige Vorstellungen von „Juden“ der vergangenen Jahrhunderte bis zur Gegenwart.)
– Samuel Salzborn, Antisemitismus. Geschichte, Theorie, Empirie. Interdisziplinäre Antisemitismusforschung 1. Baden-Baden 2014. (Sammlung von Artikeln Salzborns, die verschiedene Aspekte des Antisemitismus in den Blick nehmen.)
– Monika Schwarz-Friesel/Jehuda Reinharz, Die Sprache der Judenfeindschaft im 21. Jahrhundert. Europäisch-Jüdische Studien Beiträge 7. Berlin/Boston 2013. (Wissenschaftlich fundierte und gut lesbare Darstellung über aktuelle Formen sprachlicher Artikulation antisemitischer Einstellungen.)
– Samuel Salzborn, Globaler Antisemitismus. Eine Spurensuche in den Abgründen der Moderne. Bonn 2019. (Überblick über verschiedene Erscheinungsformen des aktuellen Antisemitismus und ihren inneren Zusammenhang.)
– Lars Rensmann, Politischer Antisemitismus im postfaktischen Zeitalter. Formen und Ursachen in Demokratien des 21. Jahrhunderts. Baden-Baden 2025. (Überblick über aktuelle Erscheinungsformen im 21. Jahrhundert.)
An historischen Werken empfehlen wir:
– Wolfgang Benz, Antisemitismus. Präsenz und Tradition eines Ressentiments. Schwalbach 2015. (Kurzer Überblick über die Geschichte des Antisemitismus.)
– Peter Longerich, Antisemitismus. Eine deutsche Geschichte. Bonn 2021. (Aufarbeitung der Geschichte des Antisemitismus in Deutschland von der Judenemanzipation um 1800 bis zur Nachkriegszeit.)
– Saul Friedländer, Das Dritte Reich und die Juden. München 2007. (Umfassende Darstellung der Verfolgungen der Jüdinnen*Juden durch den Nationalsozialismus.)
– Christian Gerlach, Der Mord an den europäischen Juden. Ursachen, Ereignisse, Dimensionen. München 2017. (Darstellung der Vernichtung der jüdischen Bevölkerung durch den Nationalsozialismus unter strukturellen Gesichtspunkten.)
Speziell zum Komplex Antizionismus bzw. israelbezogener Antisemitismus sei die Lektüre folgender Bücher ans Herz gelegt:
– Stephan Grigat, Die Einsamkeit Israels: Zionismus, die israelische Linke und die iranische Bedrohung. Hamburg 2014. (Eine Sammlung von Artikeln Grigats, die verschiedene Aspekte des israelbezogenen Antisemitismus beleuchten.)
– Tilman Tarach, Der ewige Sündenbock: Heiliger Krieg, die „Protokolle der Weisen von Zion“ und die Verlogenheit der sogenannten Linken im Nahostkonflikt. Freiburg/Berlin 2009. (Kritischer Überblick über gängige antisemitische Motive und Mythen Israel betreffend.)
– Alex Feuerherdt/Florian Markl, Die Israel-Boykottbewegung. Alter Hass in neuem Gewand. Berlin/Leipzig 2020. (Kritischer Überblick über BDS.)
Speziell zum Antisemitismus nach 7/10 empfehlen sich folgende Werke:
– Stephan Grigat, Vom Antijudaismus zum Hass auf Israel: Interventionen zur Kritik des Antisemitismus. Opladen 2025. (Eine Sammlung von Artikeln Grigats, die den Antisemitismus nach dem 7. Oktober und seine Wurzeln thematisieren.)
– Olaf Glöckner/Günther Jikeli (Hg.), Antisemitismus in Deutschland nach dem 7. Oktober 2023. Baden-Baden 2025. (Ein Sammelband mit Beiträgen über verschiedene Aspekte des Antisemitismus nach dem 7. Oktober.)
– Matthias Naumann (Hg.), Judenhass im Kunstbetrieb. Reaktionen nach dem 7. Oktober 2023. Berlin 2024. (Ein Sammelband mit Beiträgen über den Umgang des Kunst- und Kulturbetriebs mit dem 7. Oktober.)
Zum Verhältnis der politischen Linken und Antisemitismus sind folgende Werke signifikant:
– Moishe Postone, Deutschland, die Linke und der Holocaust. Politische Interventionen. Freiburg 2005. (Eine Sammlung von Beiträgen Postones, die eine marxistische Antisemitismuskritik formulieren und sich gegen linken Antisemitismus engagieren.)
– Thomas Haury, Antisemitismus von links. Kommunistische Ideologie, Nationalismus und Antizionismus in der frühen DDR. Hamburg 2002. (Aufarbeitung der historischen Wurzeln des linken Antisemitismus bis zum Tod Stalins.)
Zum christlichen Antisemitismus bzw. Antijudaismus bieten sich folgende Bücher an:
– Tilman Tarach, Teuflische Allmacht. Über die verleugneten christlichen Wurzeln des modernen Antisemitismus und Antizionismus. Freiburg/Berlin 2022. (Überblick über die Präsenz christlich-antisemitischer Motive, ihren Zusammenhang mit dem Nationalsozialismus und ihre historischen Wurzeln.)
– Stefan Rohrbacher/Michael Schmidt, Judenbilder. Kulturgeschichte antijüdischer Mythen und antisemitischer Vorurteile. Reinbek 1991. (Historische Darstellung christlich-antisemitischer Motive.)
Wer sich stärker mit dem theoretischen Fundament der Antisemitismusforschung beschäftigen will, dem empfehlen wir folgende Bücher:
– Samuel Salzborn, Antisemitismus als negative Leitidee der Moderne. Sozialwissenschaftliche Theorien im Vergleich. Frankfurt/New York 2010. (Überblick über verschiedene Antisemitismustheorien und Versuch ihrer Synthese.)
– Max Horkheimer/Theodor W. Adorno, Elemente des Antisemitismus. Grenzen der Aufklärung, in: Dies., Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente. Frankfurt 2016, 177-217. (Ein klassischer Versuch aus ideologiekritischer Perspektive, Antisemitismus theoretisch zu erfassen.)
– Jean-Paul Sartre, Betrachtungen zur Judenfrage, in: Ders., Drei Essays. Frankfurt/Berlin 1966, 108-190. (Ein klassischer Versuch aus existenzialistischer Perspektive, Antisemitismus theoretisch zu erfassen.)
– Steffen Klävers, Decolonizing Auschwitz? Komparativ-postkoloniale Ansätze in der Holocaustforschung. Bonn 2021. (Eine kritische Auseinandersetzung mit postkolonialen Theorien und ihrem Umgang mit der Shoa.)
Zu rechten Bewegungen empfehlen wir folgende Bücher, die nicht nur, aber auch ihren Antisemitismus thematisieren:
– Stefan Dietl, Antisemitismus und die AfD. Berlin 2025. (Kompakter Überblick über Antisemitismus in der AfD.)
– Stephan Grigat (Hg.), AfD & FPÖ. Antisemitismus, völkischer Nationalismus und Geschlechtsbilder. Interdisziplinäre Antisemitismusforschung 7. Baden-Baden 2017. (Sammlung verschiedener Beiträge zum Antisemitismus, Antifeminismus und anderer Aspekte von AfD und FPÖ.)
– Carolin Amlinger/Oliver Nachtwey, Gekränkte Freiheit. Aspekte des libertären Autoritaismus. Berlin 2022. (Versuch einer theoretischen Erfassung reaktionärer Bewegungen wie PEGIDA oder Querdenken.)
– Volker Weiß, Die autoritäre Revolte. Die neue Rechte und der Untergang des Abendlandes. Stuttgart 2017. (Überblick über neurechte Bewegungen und ihre historischen Ursprünge.)
