Zur antisemitischen Instrumentalisierung des Epstein-Skandals: Beispiele aus München

Insbesondere seit der Veröffentlichung der Epstein-Akten durch das US-amerikanische Justizministerium vor wenigen Wochen wird der Fall um den US-amerikanischen Menschenhändler und Kinderschänder Jeffrey Epstein antisemitisch instrumentalisiert, wie die Jewish Telegraphic Agency (JTA) in einer Studie ermittelte.[1] Epstein war Multimillionär, Jude – und verantwortlich für einen großen Ring zum Zweck der massenhaften sexuellen Ausbeutung Minderjähriger. Damit bildet er geradezu ein Musterbeispiel für die antisemitische Vorstellung reicher Jüdinnen*Juden, die Kindern Gewalt zufügen. Der Epstein-Fall bildet nun aber nicht die Ursache der Entstehung antijüdischer Vorstellungen: Vielmehr wird er in ein bereits bestehendes antisemitisches Weltbild eingepflegt, das geflissentlich ignoriert, dass die breite Mehrheit jener, die sich an diesem Ring beteiligten und von ihm profitierten, gar nicht jüdisch war – und dass Reichtum und Pädophilie unter Jüdinnen*Juden im Vergleich zur Gesamtbevölkerung nicht weiter verbreitet sind. Dennoch besteht die Gefahr, dass durch entsprechende Propaganda sich ein solches antijüdisches Bild festsetzt. Anhand verschiedener Beispiele aus den unterschiedlichen politischen Lagern wollen wir veranschaulichen, wie Aktivist*innen aus München die Epstein-Causa antisemitisch instrumentalisieren.

Ein bekannter Münchner Rechtsextremist mit einer großen überregionalen Reichweite in der rechten Szene ist der Publizist Oliver Janich. Im Jahre 2014 versuchte er sein Glück als Oberbürgermeisterkandidat seiner „Partei der Vernunft“, scheiterte aber schon an der Sammlung von Unterschriften zur Unterstützung; schließlich kandidierte er erfolglos für die Freien Wähler (FW) für den BA Schwabing-Freimann.[2] Seit 2015 lebt er auf den Philippinen und wurde sieben Jahre später u. a. wegen Volksverhetzung vom Amtsgericht München rechtskräftig verurteilt und für einige Monate sogar inhaftiert; seine Haftentlassung löste bei der verschwörungsideologischen Szene Münchens Jubel aus.[3] Nicht erst seit Publikation der Epstein-Akten nutzt er diesen Fall auf seinen Telegram- und X-Präsenzen zur Verbreitung krudester Verschwörungstheorien. Nur einzelne Beispiele wollen wir hier darstellen:

Quelle: Telegram-Channel „Oliver Janich & Team“

Janich thematisiert die jüdische Identität und Verbindungen zu Israel des offenbar mit Epstein bekannten Regisseurs Brett Ratner umfangreicher als die ihm zur Last gelegten Missbrauchsvorwürfe. Die Stoßrichtung ist klar: Das Problem, das Janich mit Ratner hat, scheint so weniger die von ihm verübte sexuelle Gewalt zu sein, sondern vielmehr dass er Jude ist.

Quelle: Telegram-Channel „Oliver Janich & Team“

Dieser Screenshot geht in eine ähnliche Richtung: Ronald Lauder wird darauf festgelegt, Kontakte zu Epstein gehabt zu haben und Präsident des Jüdischen Weltkongresses zu sein. Nicht nur dass Lauder mehr ist als das (u. a. Unternehmer, Diplomat, Kunstmäzen), so werden ihm zum gegenwärtigen Zeitpunkt auch keine Vorwürfe in Zusammenhang mit Epstein gemacht.[4] Es handelt sich um schlichtes Geraune Janichs. Epsteins eigene jüdische Identität thematisiert er an keiner Stelle: Er wird sicher davon ausgehen können, dass sie seinem verschwörungsideologischen Publikum bekannt ist. Was er diesem durch solche Posts aber nahelegt: Epstein sei nicht der einzige reiche und mächtige Jude gewesen, der für Menschenhandel und Kindesmissbrauch verantwortlich gewesen sei.

Wobei es nicht bei diesen Vorwürfen bleibt. In einem Youtube-Video zitiert Janich zustimmend den US-amerikanischen Regisseur Roger Avery, der im Podcast Joe Rogans behauptet, satanistische Eliten, die mit Epstein in Verbindung gestanden wären, würden bei Opferritualen in Los Angeles Babys essen und ihr Blut trinken. In diesem Gespräch werden zudem schwer nachvollziehbare Verbindungen zur Hebräischen Bibel und zur jüdischen Kabbala gezogen.[5] Tatsächlich handelt es sich bei der Vorstellung von Ritualmorden an Kindern, um sie zu verzehren oder ihr Blut zu trinken, um einen uralten antisemitischen Mythos, der aus dem Mittelalter stammt. Janich greift die Aussagen Averys und Rogans nun in seinem eigenen Youtube-Video auf und zieht Verbindungen zu anderen reichen Juden wie George Soros oder Baron Rothschild, zwei bekannten jüdischen Feindbildern der extremen Rechten, aber auch zu Israel.[6] 

Quelle: Telegram-Channel „Oliver Janich & Team“

Dass Aktivist*innen wie er, die unserer Auffassung nach antisemitische Verschwörungsvorstellungen verbreiten, angesichts der Epstein-Causa Morgenluft wittern, zeigt sich auch darin, dass er zustimmend einen von Eva Hermann geposteten Artikel der Berliner Zeitung teilt, laut der Fans und Kollegen Xavier Naidoos eine Entschuldigung an ihn fordern. Dieser hatte 2020 behauptet, dass satanistische Eliten Ritualmorde an Kindern verüben würden. Einige Jahre später hat er sich vage davon distanziert.[7] Naidoos neuestes Video-Statement, niemand müsse sich bei ihm, jede*r aber bei den Kindern entschuldigen, wirkt nun wie eine Distanzierung von der Distanzierung[8]: Zwischen dem tatsächlichen systematischen Missbrauch Minderjähriger durch den Epstein-Ring und den realitätsfernen Verschwörungstheorien um kinderfressende jüdisch-satanistische Eliten wird offenbar kein Unterschied gemacht. Dass Janich dieses Statement teilt und zelebriert, wundert daher nicht.

Quelle: Telegram-Channel „Oliver Janich & Team“

In die gleiche Kerbe, wenn auch in einer deutlich weniger drastischen Wortwahl, schlägt MdEP Petr Bystron, der der Münchner AfD angehört und von 2017 bis 2024 für diese im Bundestag saß. Anlässlich der Veröffentlichung der Epstein-Akten teilte er in seinen Kanälen eine Bundestagsrede von April 2023 mit der Überschrift: „Die USA der Epsteins, der Soros, Bidens und Zuckerbergs sind nicht unsere Freunde!“ In der Rede nennt er auch noch „die Clintons“.

Quelle: Telegram-Channel „Team Bystron“

In dieser Abrechnung mit der damaligen US-amerikanischen Regierung Biden, die für eine „woke globalistische Ideologie“ stünde,[9] werden fünf mächtige Namen genannt: Die beiden US-Präsidenten Biden und Clinton und drei, die abgesehen von Reichtum und jüdischer Identität nichts gemein haben, aber „Globalismus“ exemplifizieren sollen. Diese Rede im Kontext des Epstein-Skandals zu reposten, heißt also, ein Bild reicher jüdischer Eliten zu zeichnen, die mit dem systematischen Missbrauch von Kindern zu tun hätten. Vor der Publikation war Epstein für Bystron nur sporadisch Thema – im Unterschied zu Janich, der sich seit Jahren auf ihn eingeschossen hat. Aber seit der Aktenveröffentlichung hat Bystron mehrere Posts veröffentlicht; sei es, um Trump vor etwaigen Verbindungen zu Epstein in Schutz zu nehmen oder um welche zwischen Epstein und dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj zu konstruieren. Wohlbemerkt ist auch Selenskyi Jude – im Unterschied zu Bystrons Lichtgestalt Trump.

Quelle: Telegram-Channel „Team Bystron“

Dass Rechtsextreme die Epstein-Causa für ihre antisemitische Propaganda nutzen, überrascht nicht. Allerdings findet sich das auch in anderen Zusammenhängen. Auch Aktivist*innen aus Palästina Spricht (PS) München und ihrem Umfeld greifen dieses Thema auf, um offen gegen Jüdinnen*Juden zu hetzen.

Quelle: Instagram-Profil „misscaoss“

Die Userin Misscaoss nahm an mehreren öffentlichen Demos und informelleren Aktionen von PS teil, wie aus ihrem Instagram-Account hervorgeht und wie uns Augenzeug*innen mitgeteilt haben.[10] In ihren Stories teilt sie Posts aus der antizionistischen Bubble, die so offen judenfeindlich sind, dass Janich und Bystron vor Neid erblassen würden: Jüdinnen*Juden seien alleinverantwortlich für 9/11 und für Epsteins Menschenhändlerring – und würden dabei von Israel Unterstützung erhalten. Verbindungen zwischen Epstein und Israel wurden auch von Janich angesprochen, blieben bei ihm aber eher nebensächlich. Hier geht es in aller Deutlichkeit darum, die Epstein-Causa für eine Dämonisierung Israels zu nutzen.

Quelle: Instagram-Profil „oalbertocasas“

Auch Alberto Casas, der ebenfalls regelmäßig an PS-Demos teilnimmt[11], schlägt in die Kerbe: Die Emigration Ratners nach Israel deutet er als Unterstützung für Kinderschänder. Der ganze jüdische Staat wird zu „Epstein Island“ deklariert, als eine Basis für Kindesmissbrauch.

Quelle: privat

Noch deutlicher wird diese*r User*in in einem privaten Social-Media-Profil. Aus datenschutzrechtlichen Gründen können wir den Namen nicht veröffentlichen, doch wissen wir von Augenzeug*innen, dass auch diese Person bei PS aktiv ist. Auch diese repostet Beiträge aus der antizionistischen Bubble und kommentiert sie zustimmend: Der Massenmord an Jüdinnen*Juden wird zu einem berechtigten Schlag gegen Kinderschänder*innen („Epstein Zionists“) stilisiert, die Hamas ausdrücklich zu einer heldenhaften Organisation, die gegen Kindesmissbrauch vorginge. Als hätten die Opfer von 7/10 Minderjährige sexuell missbraucht – und als wäre es nicht die Hamas gewesen, die an diesem Tag systematisch Kinder und Frauen getötet und vergewaltigt hätte …

Janich und Bystron ziehen nicht in dieser Offenheit über Jüdinnen*Juden vom Leder wie die drei Antizionist*innen mit Verbindungen zu Palästina Spricht. Vermutlich unter anderem, weil sie aufgrund ihrer größeren Bekanntheit und Reichweite vorsichtiger sind. Die drei PS-Aktivist*innen sind demgegenüber irgendwelche Mitläufer*innen, eine*r von ihnen zudem nur mit privatem Profil, die relativ unbehelligt vom öffentlichen Interesse den „Mut“ haben, unserer Auffassung nach offen antijüdische Hetze zu verbreiten. Es hat jedoch nichts damit zu tun, dass Rechtsextremismus etwa weniger antisemitisch wäre als vermeintlich linker Antizionismus. Vielmehr zeigt die Instrumentalisierung des Epstein-Skandals zur Verbreitung von Verschwörungstheorien, Israelhass und genereller Judenfeindschaft, wie wesensverwandt beide Bewegungen trotz mancher Unterschiede sind. Es verwundert daher auch nicht, dass bei den diesjährigen Anti-Siko-Demos, die man als Schaulaufen der Querfront bezeichnen kann, auch Epstein thematisiert wurde, wie diese beiden Bilder demonstrieren:

Quelle: RIAS Bayern
Quelle: Telegram-Channel „Bettina Gorzolla offiziell“

[1] https://www.juedische-allgemeine.de/politik/epstein-dokumente-befeuern-antisemitische-verschwoerungsmythen-in-sozialen-medien/, vgl. dazu auch https://www.belltower.news/epstein-files-verschwoerung-statt-aufklaerung-164561/, jeweils zuletzt aufgerufen am 17.02.2026.

[2] https://www.merkur.de/lokales/muenchen/stadtrat-muenchen-diese-kleinparteien-wollen-rein-3331640.html#google_vignettehttps://web.archive.org/web/20151214234041/http://www.kunstundkultur.org/muenchenwahl2014-bezirksausschus.html, jeweils zuletzt aufgerufen am 14.02.2026.

[3] https://www.sueddeutsche.de/muenchen/verschwoerungsideologe-oliver-janich-strafbefehl-volksverhetzung-muenchen-philippinen-1.5738272, zuletzt aufgerufen am 14.02.2026.

[4] https://www.thedp.com/article/2026/02/penn-ronald-lauder-jeffrey-epstein-relationship-wharton, zuletzt aufgerufen am 14.02.2026.

[5] https://www.youtube.com/watch?v=CH5JoJ_-hic

[6] https://www.youtube.com/watch?v=k3_v9uBSDiA, zuletzt aufgerufen am 14.02.2026.

[7] https://www.berliner-zeitung.de/panorama/nach-epstein-enthuellungen-musiker-fordern-entschuldigung-bei-xavier-naidoo-li.10018037?utm_medium=Social&utm_source=Twitter#Echobox=1770644536-1, zuletzt aufgerufen am 14.02.2026.

[8] https://www.tiktok.com/@kristinaci27/video/7606679945653275926?q=xavier%20naidoo&t=1771072902867, zuletzt aufgerufen am 14.02.2026.

[9] https://www.youtube.com/watch?v=DR3koqxSKuY, zuletzt aufgerufen am 14.02.2026.

[10] https://www.instagram.com/misscaoss/, zuletzt aufgerufen am 14.02.2026.

[11] https://www.instagram.com/oalbertocasas/, zuletzt aufgerufen am 17.02.2026.

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