Offener Brief an das Rachel Carson Center for Environment and Society (RCC), das Institut für Ethnologie und den Lehrstuhl für Soziologie and Gender Studies wegen zwei geplanter Veranstaltungen mit Ghassan Hage

Am 5. November 2025 haben wir an das Rachel Carson Center for Environment and Society (RCC), das Institut für Ethnologie und den Lehrstuhl für Soziologie and Gender Studies eine Email geschrieben betreffs zwei geplanter Veranstaltungen mit dem australischen Anthropologen Ghassan Hage. Darin kritisieren wir ihn wegen verschiedener Aussagen und fordern eine Absage. Da keine Antwort kam, veröffentlichen wir hier die Email.

Sehr geehrte Damen und Herren, 

als Linkes Bündnis gegen Antisemitismus (LBGA) München wenden wir uns an Sie wegen zwei von Ihnen geplanten Veranstaltungen mit dem australischen Anthropologen Ghassan Hage. Auf Ihrer ersten Veranstaltung am 12. November soll er sein neues Buch „Bourdieu as an Anthropologist of Social Viability“ vorstellen, auf der zweiten am 14. November einen Vortrag mit dem Titel „Fantasies of Omnipotence“ über koloniale „Allmachtsfantasien“ des Westens halten. Wir kritisieren die Veranstaltungen aufgrund früherer Äußerungen Hages, die den Pogrom am 7. Oktober 2023 betreffen. An diesem Tag fand das größte Massaker an Jüdinnen*Juden seit der Shoah statt, mit rund 1.200 Opfern, darunter auch Minderjährigen und Frauen, die wortwörtlich zu Tode vergewaltigt wurden. In einem am selben Tag veröffentlichten Gedicht Hages mit dem Titel „The endless Dead-end that will not end“ heißt es dazu: „And here we are today. And the Palestinians, like all colonised people, are still proving that their capacity to resist is endless. They don’t only dig tunnels. They can fly above walls.“[1] 

Das Massaker wird ausdrücklich als antikolonialer “Widerstand” verklärt. Die vernichtungsantisemitische Terrororganisation Hamas, die dafür maßgeblich verantwortlich war, wird in diesen Zeilen geradezu dafür zelebriert, mit Paragleitern über den Grenzzaun zwischen Israel und Gaza geflogen zu sein; es ist dieselbe Hamas, die auch unterirdische Tunnel errichtet hat, um Terroranschläge durchführen und Menschen entführen zu können – statt das Geld in dringend benötigte Infrastruktur zu investieren wie es jedwede Regierung getan hätte, der am Wohl der eigenen Bevölkerung gelegen wäre. Hage outet sich damit als offener Sympathisant antisemitischen Massenmords, der sogar Priorität vor Friedensverhandlungen mit Israel oder einer Politik, die der palästinensischen Bevölkerung zugutekommt, beanspruchen darf. Konsequenterweise hat das Max-Planck-Institut (MPI) für ethnologische Forschung in Halle, an dem Hage seit April 2023 tätig war, seinen Arbeitsvertrag aufgrund dieser Äußerungen gekündigt.[2]

Gerade dieses scheinbar antikoloniale Framing, das Hage seinem Gedicht verpasst, lässt befürchten, dass er auf Veranstaltungen, die Antikolonialismus zum Thema haben, antisemitische Massaker wie jenes am 7. Oktober zu antikolonialen Befreiungsschlägen umdichtet und hochstilisiert – und das vor einem studentischen bzw. akademischen Publikum. Eine Distanzierung von diesem Gedicht ist nicht bekannt. Im Gegenteil: Er hat sogar beim Arbeitsgericht Halle gegen seine Kündigung (erfolglos) geklagt, was impliziert, dass er keinerlei Einsicht in sein Fehlverhalten zeigt. Zudem ist sein Gedicht auch jetzt noch auf seiner Homepage abrufbar: Hage steht also zu seinen menschenverachtenden Ergüssen. Mehr noch: In einem Artikel auf seiner Homepage, auf der er zu seiner Kündigung Stellung bezieht, heißt es: „Hage argues that Zionist ethno-nationalism is also propelled by a destructive fantasy of omnipotence believed to be imminent and possible.“[3] Die koloniale Allmachtsfantasie, die Thema beim von Ihnen organisierten Vortrag sein wird, schließt ausdrücklich auch Israel ein. 

Auch ein weiteres Gedicht mit dem Titel „We, lovers of Palestine, we are better than you“, das er am 26. November 2023 auf seiner Homepage veröffentlichte, ist heute noch dort auffindbar. Darin adressiert er ein unbestimmtes „ihr“ und unterstellt ihnen implizit, Dinge zu tun, die das „Wir“, die „lovers of Palestine“, nicht tun würden: „We do not instrumentalise our holy scripture to rob people of their houses, / We are better than you. / We don’t pollute the noble history of victimhood of our ancestors, / and use it to treat people like shit, / We are better than you.“[4] Der Kontext lässt keinen anderen Schluss zu als dass mit dem „ihr“ Israelis bzw. Zionist*innen gemeint sind, die ihre Heilige Schrift und ihre Verfolgungsgeschichte benutzen würden, um andere Menschen zu bestehlen und „like shit“ zu behandeln. Es handelt sich um eine Form von sekundärem Antisemitismus, der den Überlebenden der Shoa und ihren Nachkommen unterstellt, diese zu instrumentalisieren, um anderen Menschen Leid zuzufügen. Das setzt nicht nur ein außerordentlich unterkomplexes und geradezu manichäisches Verständnis des Nahostkonflikts, sondern auch eine massive Respektlosigkeit gegenüber dem Shoa-Gedenken voraus. Laut dem in der politischen Bildung tätigen Historiker Malte Holler ist die „Unterstellung, Jüdinnen und Juden würden die Erinnerung an den Holocaust gezielt einsetzen, um sich finanzielle Vorteile zu verschaffen oder sich vor jeglicher Kritik zu immunisieren“, ein Bestandteil des sekundären Antisemitismus; bei „Vorwürfen einer unrechtmäßigen Instrumentalisierung des Holocaust“ in Richtung Israels handele es sich um „Motive einer sekundär antisemitischen Täter-Opfer-Umkehr […] in Verknüpfung mit Motiven des israelbezogenen Antisemitismus“.[5]

Die Dämonisierung Israels prägt seine Aussagen in Bezug auf den Nahostkonflikt. Dabei schreckt er auch vor Vergleichen mit dem Nationalsozialismus nicht zurück. In seinem Statement in Reaktion auf seine Entlassung durch das MPI zitiert er einen eigenen Facebook Post, in dem er im Krieg Israels die antisemitische Gewalt des Nationalsozialismus wiedererkennen will: „Israeli violence resembles far more Nazi antisemitic violence in this regard in its destructive power and desire to humiliate. It also resembles Nazi violence by its vulgarity.“[6] Als wäre es nicht schon genug, dem jüdischen Staat dieselbe antisemitische Gewalt wie der NS sie ausübte zu unterstellen, geht er in einem anderen Post noch weiter: „Never has so much ‚advanced western technology‘, fire power, and killing capacity fused *so openly* with a racist dehumanisation of a whole people treating them as disposable. Even the Nazis, who excelled in this fusion of racist dehumanisation, extermination and advanced technology, felt the need to hide what they were doing.“[7] Insofern sei das Handeln Israels also noch schlimmer als die Verbrechen des Nationalsozialismus.

Hages Perspektive auf Israel als einem siedlerkolonialen Staat provoziert systematische Verzerrungen, in denen Gewalt immer nur einseitig von Israel zu kommen scheint.[9] Gewalt und Terror von palästinensischer Seite wie z.B. jene am 07.10.23 durch die Hamas, PFLP und den Palästinensischen Islamischen Djihad werden entweder geleugnet oder sogar wie in seinem Gedicht als „Widerstand“ verharmlost.[1] Auf der Plattform „X“ teilte er einen Post, in dem die sexuelle Gewalt durch Terroristen am 07.10.23 geleugnet wurde. Der Post ist mittlerweile gelöscht.[9]

Als Ghassan Hage im Dezember 2024 zu einem Symposium in Mainz eingeladen wurde, gab es ebenfalls Protest an seinen antisemitischen Äußerungen, unter anderem vom Jüdischen Studierendenverband Rheinland-Pfalz und Saarland (Hinenu), der Jüdischen Studierendenunion Deutschland (JSUD) und der Initiative Interdisziplinäre Antisemitismusforschung Trier (IIA).[ebd.] Statt kritischem Dialog zu ermöglichen, wurde einem Mitglied der Hinenu der Zugang zur Veranstaltung mit Ghassan Hage verweigert.[10]

Über den jüngsten Gazakrieg lässt sich sicher vortrefflich streiten, doch rechtfertigt er auch jetzt noch so wenig wie damals die offene Legitimation und Zelebration von Massenmord und Massenvergewaltigungen an Jüdinnen*Juden. Wir fordern von Ihnen, die beiden Veranstaltungen abzusagen.

Mit freundlichen Grüßen,

das LBGA München

[1] https://hageba2a.blogspot.com/2023/10/israel-palestine-endless-dead-end-that.html, zuletzt aufgerufen am 03.11.2025.

[2] https://www.mpg.de/23848953/das-arbeitsgericht-halle-weist-die-klage-von-ghassan-hage-ab, zuletzt aufgerufen am 03.11.2025.

[3] https://hageba2a.blogspot.com/2024/11/a-summary-of-professor-ghassan-hages.html, zuletzt aufgerufen am 05.11.2025.

[4] https://hageba2a.blogspot.com/2023/11/we-lovers-of-palestine-we-are-better.html, zuletzt aufgerufen am 03.11.2025.

[5] https://www.anders-denken.info/informieren/sekund%C3%A4rer-antisemitismus-1, zuletzt aufgerufen am 03.11.2025.

[6] https://hageba2a.blogspot.com/2024/02/statement-regarding-my-sacking-from-max.html, zuletzt abgerufen 04.11.2025. Zwar schreibt er, er würde sich die Zeit nehmen dieses Statement zu „kontextualisieren“ – was das bedeuten soll bleibt unklar -, da dieser Post vom MPI mitunter als Entlassungsgrund angeführt wurde. Eine Distanzierung findet sich jedoch im Text nicht.

[7] https://www.facebook.com/ghahagea/posts/pfbid0RfmQdQhcMCJ7oCRdB4oU89XnXgFMdL8gvEaqwPfUCkNXMxbhMPnH5bhjq1fh5MUhl?__cft__[0]=AZWr_Z2Ka6j_ud7oWaZiSM3VSbszc9xrMsXa66D1RH_psKkQ3656srohKbcNAebbpI2ADQ0Vb5pq7Fhm01skIANFhrjMIS83fIapX520DZrbwolBHA52sjChaH4h_eOxtUYg7MewuCf6M3GexqulFNSM&__tn__=%2CP-R

zuletzt abgerufen 04.11.2025.

[8] Zur Kritik der Behauptung Israel sei ein „settler-colonial state“ vgl. Lenhard, Philipp. „„Go Back to Poland!“ Der Zionismus, Palästina und das Paradigma des Siedlerkolonialismus“ Historische Zeitschrift, vol. 319, no. 3, pp. 585-600. https://doi.org/10.1515/hzhz-2024-0035                    

[9]

zuletzt abgerufen 04.11.2025.

[10]

zuletzt abgerufen 04.11.2025.

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