Israel ist nicht der IS, Gaza ist nicht Auschwitz. Gegen die Verleihung des Thomas-Dehler-Preises an Benjamin Idriz 

Die FDP-nahe bayerische Thomas-Dehler-Stiftung will ihren gleichnamigen Preis an den Penzberger und Münchner Imam Benjamin Idriz verleihen. Der stellte pünktlich zum zweiten Jahrestag des 7. Oktober die israelische Regierung auf eine Stufe mit dem Islamischen Staat (IS). 

Die bayerische Thomas-Dehler-Stiftung aus dem FDP-nahen Verband der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit verleiht gelegentlich den gleichnamigen Preis an „herausragende Persönlichkeiten für ihre Verdienste um die freiheitliche Ausgestaltung der inneren Einheit Deutschlands, die Stärkung des Rechtsstaats oder für Verdienste im Kampf gegen Vorurteile, Intoleranz und Hass.“[1] Am 29. Oktober soll ihn nun der Penzberger Imam und Vorsitzende des Münchner Forum für Islam (MFI) Benjamin Idriz im Münchner Künstlerhaus bekommen. Als Laudatorin ist Sabine Leutheusser-Schnarrenberger angekündigt.[2] Die ehemalige Bundesjustizministerin, Vizepräsidentin der Dehler- und stellvertretende Vorsitzende der Naumann-Stiftung war von 2018 bis 2024 auch Antisemitismusbeauftragte des Landes Nordrhein-Westfalen.

Die Naumann-Stiftung schreibt, sie stehe „solidarisch an Israels Seite, gegen Terror und für Frieden in der Region“[3]. Der designierte Preisträger Benjamin Idriz passt nicht so recht in dieses Bild der Israelsolidarität. Am 6. Oktober 2025 benennt er in einer längeren Stellungnahme[4] zwar die Massaker vom 7. Oktober 2023 „als die größte jüdische Tragödie seit der Shoah“, bedient aber schnell eine arabisch-muslimisch-palästinensische Opferrolle. Es falle, schreibt er, „vielen Muslimen und Arabern schwer, dieses [jüdische] Leid offen und empathisch anzusprechen“, allerdings „nicht aus Gleichgültigkeit, sondern weil das Leid des palästinensischen Volkes seit mehr als siebzig Jahren“ andauere. Er rechnet so Leid auf und wiederholt den Mythos, das palästinensische sei „von weiten Teilen der westlichen Öffentlichkeit über Jahrzehnte kaum wahrgenommen“ worden. Antisemitismus unter Muslim*innen schließlich, der dort noch weiter verbreitet ist als in der Gesamtgesellschaft[5], ist ihm schlicht kein Thema.

Idriz erinnert zum zweiten Jahrestag des 7. Oktober auch daran, dass 2015 (die Erklärung ist 2014 datiert) er und „alle Imame Münchens“ sich vom Islamischen Staat (IS) distanziert hätten.[6] Ebenso hätten sich nach dem 7. Oktober die Jüdinnen*Juden von Israel distanzieren sollen: „Wie heilsam wäre es gewesen, wenn auch innerhalb der jüdischen Gemeinden eine ebenso eindeutige und öffentliche Distanzierung von den Handlungen der israelischen Regierung erfolgt wäre.“ Das hätte vielleicht sogar „Antisemitismus eingedämmt“, glaubt Idriz, wodurch Jüdinnen*Juden als zentrale Akteur*innen genannt werden, die am Antisemitismus etwas ändern könnten. Deutsche Imame, die sich vom IS, deutsche jüdische Gemeinden, die sich von der israelischen Regierung distanzieren: Diese Gleichung negiert, dass der Krieg in Gaza die Verteidigung gegen „die größte jüdische Tragödie seit der Shoah“ (Idriz) war. Die genozidalen Islamist*innen vom IS werden auf die gleiche Ebene gestellt wie der Schutzraum aller Jüdinnen*Juden vor dem Antisemitismus. Auch klingt eine Täter-Opfer-Umkehr an, erinnerten doch die Bilder der Hamas, die am 7. Oktober auf weißen Pick-Ups mordend und vergewaltigend durch israelische Dörfer zogen, an die Bilder aus Syrien und dem Irak, als dort der Islamische Staat seine Taten beging, darunter den Völkermord an den Jezid*innen. Nicht zuletzt ignoriert Idriz die Tatsache, dass der Zentralrat der Juden die Kriegsführung der israelischen Regierung bisweilen durchaus kritisierte[7], obgleich sich grundsätzlich die Frage stellt, warum genau deutsche Jüdinnen*Juden sich zur israelischen Politik öffentlich positionieren sollten.

„Geschichte“, schreibt Idriz weiter, beginne „nicht am 7. Oktober“, Gaza sei „schon lange zuvor das größte Freiluftgefängnis der Welt“ gewesen. Wie schon beim 70-jährigen palästinensischen Leid verschweigt er hier Kontext: Große Teile der Konfliktgeschichte, die jahrhundertealte Diskriminierung von Jüdinnen*Juden auch im arabischen Sprachraum und insbesondere der Antisemitismus, der sich auch mit nationalsozialistischer Hilfe in Palästina seit den 1920er Jahren durchsetzte[8] oder die Angriffe der Hamas auf Israel seit ihrer gewaltsamen Machtübernahme im Gazastreifen 2006 kommen nicht vor. Jüdinnen*Juden sollen laut Idriz etwas gegen den Antisemitismus in Deutschland tun, indem sie sich von Israel distanzieren.  Ebenso erscheint ihm auch Israel als der einzig handlungsfähige und damit verantwortliche Akteur im Nahostkonflikt. 

Idriz inszeniert sich selbst im Unterschied zu einer nicht weiter benannten „Vertreterin des Zentralrats der Juden“ als jenen mit „Mitgefühl“, das „keine Grenzen kennen“ dürfe. In diesem Fall bekundet er, neben der „Befreiung der Geiseln […] auch die Freilassung der palästinensischen Häftlinge begrüßt“ zu haben, „von denen einige mehr als zwanzig Jahre in Gefängnissen“ in Israel saßen.[9] Immerhin sprach er nicht wie andere von ‚palästinensischen Geiseln‘, der fehlende Kontext aber bleibt: Mehrere der rund 250 freigelassenen palästinensischen Häftlinge waren an Morden und Terroranschlägen beteiligt und Mitglieder etwa der Hamas, der Fatah, der Al Aqsa-Märtyrerbrigaden, des Islamischem Djihad oder der PFLP.[10] Idriz bemängelt also fehlendes Mitgefühl mit Judenmörder*innen, die für Judenmord im Gefängnis sitzen. Vor dem Hintergrund, dass Yahya Sinwar, das Mastermind des 7. Oktober, 2011 in einem Austausch freikam, ist der Vorwurf, dem Zentralrat der Juden in Deutschland mangele es an Mitgefühl mit ähnlichen Islamist*innen, die ähnliche Taten wiederholen wollen könnten, niederträchtig.

Bereits am 11. Juni 2024, dem Jahrestag des Genozids von Srebrenica, stellte Idriz diesen mit Auschwitz und Gaza in eine Reihe.[11] Nicht nur nennt er, dessen Mitgefühl doch keine Grenzen kenne, keinen der Orte des genozidalen und antisemitischen Massakers der Hamas, etwa das Nova-Festival oder einen der überfallenen Kibbuzim, er ebnet auch die Gewalt und ihre jeweiligen Spezifika ein. Schon der Vorwurf, Israel begehe einen Genozid in Gaza ist falsch und antisemitische Täter-Opfer-Umkehr.[12] Wird Gaza mit Auschwitz auf eine Stufe gestellt, kommt Shoahverharmlosung hinzu. 

Idriz steht nicht zum ersten Mal in der Kritik: Anfang November 2023 wollte er, gemeinsam mit dem Münchner Muslimrat, ein „Friedensgebet“ abhalten, das wir und andere unter anderem wegen der Nähe zu Strukturen der Muslimbruderschaft, der Grauen Wölfe, der Islamischen Gemeinschaft Millî Görüş (IGMG) und der DITIB kritisierten.[13] Er scheint sich bei der muslimbruderschaftsnahen Qatar Charity erfolglos um Finanzierung für das MFI bemüht zu haben.[14] 2010 antwortete Idriz auf die Kritik, dass der von ihm als „Pionier islamischer Reformen“ gelobte Imam Husein Djozo auch SS-Funktionär war, damit, dass Djozo in den „60er- und 70er-Jahren seinen Irrweg korrigiert“[15] habe. 

Heute schreibt Idriz, seine Initiative zum Friedensgebet mit Islamist*innen sei damals „sabotiert und mit bemerkenswerter Kälte zurückgewiesen“ geworden. Das Opfer der Sabotage von damals fragt sich zwei Jahre später, ob „Politik und Religionsgemeinschaften“, also alle anderen, vor allem wohl die Jüdinnen*Juden, „zu einem ehrlichen Nachdenken und Umdenken gefunden“ hätten. Obwohl bei Idriz kein Umdenken, keine Abkehr von den islamistischen Partner*innen und der (indirekten) Verurteilung Israels erkennbar ist, scheint er für die Dehler-Stiftung einen „Kampf gegen Vorurteile, Intoleranz und Hass“ zu führen. 

Wir fordern die Stiftung auf, von der Preisverleihnung an Benjamin Idriz abzusehen – um eine klare Haltung gegen jede Form von Antisemitismus, Israelhass und Geschichtsrelativierung zu demonstrieren. 

[1] https://www.thomas-dehler-stiftung.de/thomas-dehler-preis, zuletzt aufgerufen am 22.10.2025.

[2] https://shop.freiheit.org/?token=6GCY1D2geQidQrDR5vAeSaOqwGnpPvHuHN5zKVDoUfY#!/Veranstaltung/KET7E, zuletzt aufgerufen am 22.10.2025.

[3] https://www.freiheit.org/de/deutschland/focus/solidaritaet-mit-israel, zuletzt aufgerufen am 22.10.2025.

[4] https://www.facebook.com/benjamin.idriz/posts/pfbid0BhdtqknYsRD1crxHFWQRuG2mJeNZLvokxeB8cvg8pbbfLjVPZmJVHJXY488MZ7gQl, zuletzt aufgerufen am 22.10.2025.

[5] Vgl. z.B. https://www.bpb.de/themen/infodienst/557000/antisemitismus-unter-muslim-innen-warum-eine-kritisch-differenzierte-debatte-notwendig-ist/#node-content-title-5; https://ajcgermany.org/system/files/document/AJC%20Berlin_Antisemitismus%20in%20Deutschland_Eine%20Repr%C3%A4sentativbefragung.pdf S. 15, jeweils zuletzt aufgerufen am 22.10.2025.

[6] https://www.islam-muenchen.de/deklaration-der-imame-in-muenchen/, zuletzt aufgerufen am 22.10.2025.

[7] https://www.juedische-allgemeine.de/politik/zentralrat-appelliert-an-israels-regierung-hilfsgueter-nach-gaza-zu-lassen/?fbclid=IwY2xjawNh9ZxleHRuA2FlbQIxMQBicmlkETE0VERudkFSVmZQVDJNcWlCAR45GWaTgaQsexPTUPUfG9qO9TXb3crJHEEx0jqced5r0O7s_DnTcvqQggSxCQ_aem_NA_l1XNY0wfL_74UtmzUYg, zuletzt aufgerufen am 22.10.2025.

[8] Vgl. z.B.: https://kidoks.bsz-bw.de/frontdoor/deliver/index/docId/5821/file/CARS_WorkingPaper_032.pdf, zuletzt aufgerufen am 22.10.2025.

[9] https://www.facebook.com/benjamin.idriz/posts/pfbid03493gZPyKg4GE3tqVMroqH8cn3cWnPNChfdjk5EtG1TfJNrUYAaXFa5zUUeQQywaUl, zuletzt aufgerufen am 22.10.2025.

[10] https://www.ajc.org/news/who-are-the-palestinian-prisoners-freed-in-the-israel-hamas-deal, zuletzt aufgerufen am 22.10.2025.

[11] https://www.facebook.com/benjamin.idriz/posts/pfbid02kSMzp7i45D95xywGELEKY36tnB8NeDytnRNy4fuh1ksm29XaeCsb65VjdFx6aYdsl, zuletzt aufgerufen am 22.10.2025.

[12]

https://kritischebildung.de/bilder/Zur-Kritik-des-Genozid-Vorwurfs-gegen-Israel.pdf, zuletzt aufgerufen am 22.10.2025.

[13]

https://lbga-muenchen.org/2023/11/04/zum-friedensgebet-des-muslimrats-am-6-november-2023/,https://lbga-muenchen.org/2023/11/05/pm-28-05-11-23-linkes-bundnis-gegen-antisemitismus-munchen-kritisiert-friedensgebet/, zuletzt aufgerufen am 22.10.2025.

[14] https://www.ezw-berlin.de/publikationen/artikel/qatar-papers-muslimbruderschaftsunterstuetzung-in-europa/, zuletzt aufgerufen am 22.10.2025.

[15] https://islam-penzberg.de/christian-ude-besucht-penzberger-moschee/?utm_source=chatgpt.com, zuletzt aufgerufen am 22.10.2025.

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