Wegen einer anstehenden Veranstaltung des Comedians Nizar im Werk7 Theater haben wir am 5. April 2025 eine Email ans Werksviertel geschickt mit der Aufforderung, sie abzusagen. Da wir keine Reaktion erhielten, veröffentlichen wir hier unsere Mail und wiederholen unsere Aufforderung ausdrücklich.
Sehr geehrte Damen und Herren,
Laut Ihrer Homepage ist in Ihrem Werk7 Theater für den 17. April ein Auftritt des Comedians Nizar angekündigt. Aufgrund nach unserem Dafürhalten antisemitischer, rassistischer, antifeministischer, queerfeindlicher, homophober und ableistischer Äußerungen kritisieren wir Ihre Entscheidung, Nizar in München eine Bühne zu bieten, und fordern seine Ausladung. Zur Begründung:
Bereits 2022 geriet Nizar für eine auf Youtube veröffentlichte Show in die Kritik, in der er Witze über Jüdinnen*Juden machte. Beispielsweise erzählte er darin, wie er zu Besuch in einem jüdischen Restaurant den Besitzer darauf testete, ob er tatsächlich Jude sei, indem er eine Münze in die Luft warf, die dieser sofort geschnappt habe – eine Anspielung auf das Klischee geldgieriger Juden. Das ist ein klassischer antisemitischer Judenwitz. Analog bezeichnete er in einem Tweet auf X, der die Nahostberichterstattung der Öffentlich-Rechtlichen nach dem Massaker des 7. Oktober thematisierte, Jüdinnen*Juden als „Goldmünzensammler“, was noch mal die These einer angeblichen jüdischen Raffgier, die über die allgemein vorhandene Vorteilsnahme hinausgehe, in Nizars Darstellung unterstreicht.
In einer Show spricht er von „Juden aus Israel, mit so Löckchen und Hakenhasen“, unterstellt diesen im weiteren Fortgang, „die ultimative Macht“ zu besitzen, reproduziert also auch andere aus der antisemitischen Tradition sattsam bekannten Stereotype, und behauptet, schließlich die Familie eines jüdischen Restaurantbesitzers kennengelernt zu haben, was er mit folgenden Worten kommentiert: „Ein Jude nach dem anderen! Krass, sind noch voll viele von denen übrig!“ Das sind Witze auf Kosten der in der Shoa ermordeten Jüdinnen*Juden. Und dabei belässt Nizar es nicht: Den Überlebenden und ihren Nachkommen bescheinigt er nicht nur ein übermäßiges Überleben, sondern darüber hinaus, sich aufgrund der Shoa Vorteile verschaffen zu wollen. Eines seiner Showelemente: Wäre er Jude und würde ein Polizist ihm wegen überhöhter Geschwindigkeit anhalten, würde er kontern: „Hat mein Volk nicht genug gelitten?“
Auch in „ernsthaften“ Kontexten abseits seiner Shows macht er aus seinem mangelnden Respekt vor der Shoa und ihren Opfern keinen Hehl: Angesichts des aktuellen Gazakrieges, der durch das Massaker am 7. Oktober ausgelöst wurde, setzt er Israel mit dem Nationalsozialismus gleich und unterstellt dem jüdischen Staat, ein zweites Auschwitz zu verüben. In Nizars eigenen Worten zitiert: „Es gibt keinen Unterschied zwischen Menschen, die Zivilisten in eine Gaskammer stecken, und Menschen, die Zivilisten bombardieren.“
Auf die dadurch aufgekommenen Antisemitismusvorwürfe reagiert er mit breiter Brust. In einem Tweet von Januar 2024 heißt es beispielsweise: „Egal ob Kaya Yanar, der Internationale Gerichtshof, Kanye West, Amnesty International, Südafrika und alle anderen die als Antisemiten diffamiert werden, denkt immer daran – ICH WAR DER ERSTE. Verbeugt euch vor eurem Kaiser!“[1] Interessant ist, dass er sogar Kanye West zu den Opfern der sogenannten Moralkeule Ausschitz (Walser) zählt, der gegenüber rechtsextremen Medien und in aller Öffentlichkeit mehrfach seine Bewunderung für Hitler ausdrückte.[2] Eine Anfrage der Jüdischen Allgemeinen 2022 ließ er offenbar unbeantwortet, ging stattdessen aber an die Öffentlichkeit und unterstellte der Zeitung, „hinten rum Welle zu machen“.[3]
Wegen Volksverhetzung erhielt Nizar im März 2025 einen Strafbefehl und wurde mit einer Geldstrafe belegt, wobei er andeutete, dass es um „ein bestimmtes Volk“ ginge, dem man „wieder Geldgier unterstellen“ könne, was er jedoch nicht tue; die Jüdische Allgemeine berichtet, dass die Staatsanwaltschaft ihr gegenüber den Strafbefehl wegen Hetze gegen verschiedene Nationalitäten, u. a. Jüdinnen*Juden, bestätigte.[4]
Wir wollen aber auch andere Entgleisungen nicht unerwähnt lassen. Dass Nizar offenbar auch wegen der Hetze gegen andere Minderheiten verurteilt wurde, lässt sich aus dem Artikel der Jüdischen Allgemeinen erschließen. In seiner Show von 2022 bezeichnete er zudem Feministinnen als „bös hässlich“[1] und geizte gegenüber der jüdisch-israelischen Schauspielerin Gal Gadot nicht mit Gewaltfantasien: „Gal Gadot ist so eine Hackfresse. Wäre ich eine Frau, würde ich der einen Choke Slam verpassen, aber dass die mit dem Gesicht auf dem Boden aufkommt.“[4] Auch stammen von ihm Witze auf Kosten von trans* Personen, Homosexuellen und Behinderten.[1][4]
Sein von Betroffenen als verletztend empfundenes Verhalten ist ein wichtiger Bestandteil seiner Show. Das machte er selbst in seiner Show von 2022 deutlich, als er von „gewisse[n] Gruppierungen“ sprach, „bei denen […] es ein bisschen mehr Spaß“, mache, „weil die sich mehr aufregen“.[1]
Auf die Kritik wegen ableistischer Äußerungen des Comedians Luke Mockridge in einem von Nizar gemeinsam mit Shayan Garcia betriebenen Podcasts wiesen beide jegliche Vorwürfe, „behindertenfeindlich, sexistisch, homophob, rechtsnah, transphob, antisemitisch, antidemokratisch, rassistisch und antiislamisch“ zu sein, zurück, stellten ihre Witze als „wahre Inklusion“ dar, benutzen rechte Wordings von der „Cancel Culture“ und drohten mit juristischen Schritten „gegen jeden, der Rufmord und Hetze betrieben hat“. Das Mitgefühl gilt weniger Betroffenen von Diskriminierung als Mockridge und Veranstaltern, die Auftritte von ihnen absagen müssen.[5]
Letztlich ist die gegen gesellschaftliche Minderheiten gerichtete gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit elementarer Bestandteil seines Programmes. Es geht also wie so oft um Profit auf den Rücken sozial Schwächerer, Ausgegrenzter, Marginalisierter und nicht zuletzt auf den Rücken von Jüdinnen*Juden. Wir fordern Sie daher auf, Nizars Auftritt abzusagen, um diesen Kreislauf aus kalkulierten Provokationen zum Zweck, Geschäfte zu machen, zu durchbrechen und ein Zeichen gegen gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit jeder Art zu setzen.
Mit freundlichen Grüßen,
das Linke Bündnis gegen Antisemitismus München
[1] https://www.juedische-allgemeine.de/politik/buehne-frei-fuer-den-kaiser-der-antisemiten/, https://www.juedische-allgemeine.de/kultur/loeckchen-und-hakennase/, jeweils zuletzt aufgerufen am 02.04.2025.
[2] https://de.wikipedia.org/wiki/Kanye_West#Antisemitische_und_rassistische_Aussagen, zuletzt aufgerufen am 02.04.2025.
[3] https://www.juedische-allgemeine.de/kultur/mehrere-veranstalter-beenden-zusammenarbeit-mit-comedian-nizar/, zuletzt aufgerufen am 02.04.2025.
[4] https://www.juedische-allgemeine.de/kultur/komiker-nizar-soll-geldstrafe-wegen-volksverhetzung-zahlen/, zuletzt aufgerufen am 02.04.2025.
[5] https://www.rnd.de/panorama/die-deutschen-podcaster-zu-mockridge-skandal-entschuldigung-aber-mit-ausnahmen-2H3SKL6E25E5VNK6TXIYPWYAPM.html, zuletzt aufgerufen am 02.04.2025.

2 Kommentare zu „Offener Brief ans Werksviertel wegen einer Veranstaltung mit Nizar am 17. April“