Für den 20. Mai 2025 ist ein Vortrag des US-amerikanischen Publizisten und Psychologen Jordan B. Peterson in der Münchner Olympiahalle angekündigt, der bereits in einer Anfrage der Stadtratsfraktion von Die Linke/Die Partei scharf kritisiert wurde[1]; verteidigt wird er ausgerechnet von AfD-Funktionären[2]. Bekannt wurde Peterson als eine Art intellektueller Influencer der Neuen Rechten, der sich vor allem durch eine sozialdarwinistisch, biologistisch und mystizistisch begründete Gegnerschaft zu Feminismus, LGBTIQA+, Klimabewegung und Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie auszeichnete und dabei die Rolle eines Gurus übernimmt, der mit Leid und Sorgen der Menschen Geschäfte macht.[3] Das allein ist Grund genug, den Auftritt zu verhindern. Wir möchten im Folgenden aber darlegen, dass er auch antisemitische Stereotype verbreitet, die in der Kritik an seinem Wirken bislang kaum eine Rolle spielen.
Bereits in einem 2018 auf seinem Blog veröffentlichten Artikel spricht er vom „significantly higher than average IQ of Ashkenazi Jews“, um zu erklären, weshalb Jüdinnen*Juden „genuinely over-represented in positions of authority, competence and influence“ wären[4] – eine Behauptung, die er zu verschiedenen Gelegenheiten wiederholte, zuletzt im Oktober 2024[5]. Als Beleg für die zweite Aussage zieht er die überdurchschnittlich hohe Zahl jüdischer Nobelpreisträger*innen und jüdischer Absolvent*innen an US-amerikanischen Elite-Universitäten heran.
Jedenfalls ist bereits die Behauptung eines besonderen Einflusses oder einer ausgeprägten Macht der jüdischen Bevölkerung antisemitisch. Peterson geht aber darüber hinaus und führt die vermeintliche jüdische Übermacht auf einen angeblich höheren Intelligenzquotienten zurück. Er bezieht sich dabei auf die Studie „Natural history of Ashkenazi intelligence“ von Gregory Cochran, Jason Hardy und Henry Harpending aus dem Jahr 2006, die die genetisch bedingte überdurchschnittliche Intelligenz von Jüdinnen*Juden wissenschaftlich nachzuweisen versuchte. Bei den drei Autoren handelt es sich um Vertreter eines modernen wissenschaftlichen Rassismus, die nach genetischen Ursachen sozialer Unterschiede und Entwicklungen suchen und – zumindest im Falle Harpendings sicher nachweisbar – mit der rechtsextremen White-Supremacy-Szene der USA vernetzt sind.[6] Die Studie spiegelt das rassistische, rechtsextreme und antisemitische Weltbild ihrer Verfasser wider und ist daher als unseriös zu verwerfen. Mehr noch: Das Stereotyp einer genetisch bedingten höheren Intelligenz der jüdischen Bevölkerung reicht historisch bis ins 19. Jahrhundert zurück und wurde im Kontext des damals virulenten biologischen Rassismus entwickelt.[7] Peterson reproduziert diese Stereotype, mit denen er den großen jüdischen Einfluss erklären möchte – ironischerweise in einem Artikel, der sich gegen antisemitische Verschwörungstheorien wendet: Denn Macht und Einfluss der Jüdinnen*Juden seien nicht auf ihre Verschwörungen zurückzuführen, sondern eben auf ihre hohe Intelligenz, wie Peterson erklärt.
Das hielt Peterson nie davon ab, antisemitische Dogwhistles mit verschwörungsideologischem Einschlag zu verbreiten. So griff er den rechten Kampfbegriff „Kulturmarxismus“ („cultural marxism“) auf, der seit den 1970ern entwickelt wurde, um die Sexuelle Revolution und die antirassistische Bürgerrechtsbewegung auf die jüdisch-deutschen Vertreter der Kritischen Theorie (Max Horkheimer, Theodor W. Adorno, Walter Benjamin u. a.) zurückzuführen. Der hochgradig antisemitisch aufgeladene Begriff wird von Peterson nun mit poststrukturalistischen Intellektuellen wie Jacques Derrida oder Michel Foucault zusammengeworfen, um feministische wie antirassistische Bewegungen zu diskreditieren: Wie der ursprüngliche Marxismus würden diese eine Art Gleichmacherei der Gesellschaft anvisieren und wären dazu von (jüdischen) Intellektuellen ersonnen worden.[8] Dass Jüdinnen*Juden für Feminismus oder Antirassismus verantwortlich wären, spricht Peterson freilich nicht so deutlich aus, zumal er sich auf Poststrukturalist*innen fokussiert, doch ist diese Vorstellung im Begriff des „Kulturmarxismus“ enthalten und passt wunderbar zu Petersons Auffassung einer überdurchschnittlich hohen Intelligenz der jüdischen Bevölkerung.
Auch den Begriff des „Globalismus“ führt Peterson gerne im Munde. Dabei handelt es sich um die rechtsextreme Erzählung von „Eliten“, die einen globalen Umsturz zur Errichtung einer Neuen Weltordnung (NWO) planen. Diese Eliten werden in der Regel mit stereotypisch mächtigen und gierigen Jüdinnen*Juden identifiziert.[9] Peterson spricht nun etwa von einer „woke globalist tyranny“ im Zusammenhang mit einer kanadischen Gesetzgebung gegen Hate Speech im Internet oder von einer „globalist totalitarian panic“ hinsichtlich der Warnungen vor einem Klimawandel. Die Journalist*innen von BBC und CBC bezeichnet er als „globalist utopian propagandists“, weil sie nicht über irgendeine rechtsextreme Demo in London berichteten. Auch warnt er vor „globalist socialists“, die den Menschen ihre Dieselautos wegnehmen wollen. Und Medien, die sich gegen Atomkraft einsetzen, bezeichnet er als „Canada’s bankrupt State funded Faux-socialist Globalist Elitist Legacy media“, denen er den Tod wünscht („DIE you pathetic weasels“).[10] Das sind nur ausgewählte Beispiele, die demonstrieren, dass er Medien und progressive politische Bewegungen in den Händen einer globalistischen Elite wähnt, die mit den Mitteln einer Panikmache eine Diktatur zu errichten versuchen. Auch den Begriff der „New World Order“ verwendete er bereits.[11] Zudem nahm er Donald Trump ausdrücklich in Schutz, als dieser behauptete, der Staatsanwalt von Manhattan sei vom US-amerikanisch-jüdischen Milliardär George Soros gekauft worden, wofür er von der New York Times wegen des antisemitischen Untertons Kritik erhielt.[12]
Jordan Peterson verbreitet neben Antifeminismus, Queerfeindlichkeit und antiaufklärerische Aussagen zu Klimawandel und Corona also auch Antisemitismus: in Gestalt verschwörungsideologischer Codes um Globalismus und Kulturmarxismus, aber auch ganz offen, indem er von einer überdurchschnittlichen Intelligenz der jüdischen Bevölkerung schwadroniert. Sein Auftritt in einer städtischen Einrichtung wie der Olympiahalle ist daher ein Skandal und muss verhindert werden.
Korrektur (14.05.2025): Wir haben ursprünglich behauptet, die von Peterson behauptete überdurchschnittlich höhere Zahl jüdischer Uni-Absolvent*innen hänge mit einer früheren Quote zusammen. Tatsächlich gab es früher nur eine Quote, um die Zahl von Jüdinnen*Juden zu beschränken. Wir haben den betreffenden Teilsatz ersatzlos gestrichen.
[1] https://www.abendzeitung-muenchen.de/muenchen/keinen-bock-auf-antifeministische-rechte-kritik-an-kontroversem-auftritt-in-muenchen-art-1042502, zuletzt aufgerufen am 07.03.2025.
[2] https://www.facebook.com/walbrunn.afd/posts/pfbid02Aay1Lpe24Lj4tRyXgo83fqjE6m6iwho6sTPzbm1Lho6SoyzAMvsrs87KRYnXCCcpl, zuletzt aufgerufen am 08.03.2025.
[3] https://www.belltower.news/erziehung-zum-alpha-mann-wer-ist-jordan-peterson-139639/, https://www.moment.at/story/was-macht-jordan-peterson/; seine Auslassungen werden weniger kritisch thematisiert, s. dazu aber z. B. https://ifamnews.com/de/sechste-booster-impfung-in-kanada-jordan-peterson-weigert-sich, https://www.youtube.com/watch?v=8hogFSsTWOI, jeweils zuletzt aufgerufen am 05.03.2025.
[4] https://www.jordanbpeterson.com/psychology/on-the-so-called-jewish-question/, zuletzt aufgerufen am 03.03.2025.
[5] https://www.jordanbpeterson.com/blog/jordan-peterson-my-message-to-the-jews/, zuletzt aufgerufen am 03.03.2025.
[6] https://www.splcenter.org/resources/extremist-files/henry-harpending/, zuletzt aufgerufen am 03.03.2025.
[7] https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezension-sachbuch-genie-im-profil-132877.html, zuletzt aufgerufen am 02.05.2025.
[8] https://psmag.com/education/jordan-peterson-sliding-toward-fascism/, https://www.belltower.news/erziehung-zum-alpha-mann-wer-ist-jordan-peterson-139639/, https://www.belltower.news/gastbeitrag-warum-der-verschwoerungsmythos-vom-kulturmarxismus-so-gefaehrlich-ist-108001/, jeweils zuletzt aufgerufen am 03.03.2025.
[9] https://www.gra.ch/bildung/glossar/globalist/, https://www.amadeu-antonio-stiftung.de/wp-content/uploads/2021/11/210922_aas_broschuere-da-105x148_web_doppelseiten.pdf, S. 8-9, jeweils zuletzt aufgerufen am 03.03.2025.
[10] https://x.com/search?q=from%3Ajordanbpeterson%20globalist&src=typed_query&f=live, https://x.com/search?q=from%3Ajordanbpeterson%20globalists&src=typed_query&f=live, https://www.facebook.com/watch/?v=565329535071239, https://www.facebook.com/watch/?v=376494418024035, jeweils zuletzt aufgerufen am 03.03.2025.
[11] https://x.com/search?q=from%3Ajordanbpeterson%20new%20world%20order&src=typed_query&f=live, zuletzt aufgerufen am 03.03.2025.
[12] https://x.com/jordanbpeterson/status/1639635214644158466, zuletzt aufgerufen am 03.03.2025.
