Heute jährt sich die Befreiung der Überlebenden des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau zum 80. Mal. Dort ermordeten die Deutschen bis zur Befreiung am 27.01.1945 durch die Rote Armee bis zu 1,5 Millionen Menschen, darunter vor allem Jüdinnen*Juden, aber auch Pol*innen, Sinti und Roma, Kommunist*innen sowie sowjetische Kriegsgefangene. Mit seinen vier Gaskammern war Auschwitz eine „Fabrik“ des Massenmords und steht als größtes Lager pars pro toto für die industriell organisierte Vernichtung der europäischen Jüdinnen*Juden, welche mit 90% die größte Gruppe im Lager bildeten.
Die monströsen Gaskammern und Krematorien sowie die Protagonisten des Holocaust und Institutionen wie die SS stehen häufig im Zentrum des Blickes auf die Shoa. Weniger Beachtung fanden lange Zeit die Polizeibatallione der Ordnungspolizei, welche die SS-Einsatzgruppen in den besetzten Gebieten im Osten unterstützte. Insgesamt töteten diese Einheiten über 1,5 Millionen Juden in Massenerschießungen, auch Holocaust durch Kugeln genannt, und mobilen Gaswagen.[1] Die Betrachtung der Polizeibatallione und auch der Wehrmacht ist deshalb von besonderer Bedeutung, da diese gerade keine Spezialeinheiten waren, sondern sich aus ganz gewöhnlichen Deutschen, die weder eine besondere militärische noch ideologische Schulung erhielten, zusammensetzten. Oder wie der US-amerikanische Soziologe Daniel J. Goldhagen es formuliert: „Bei diesen Männern handelte es sich keineswegs um handverlesene ‚Weltanschauungskrieger‘, sorgfältig ausgewählt für die apokalyptische Aufgabe, einen umfassenden Massenmord an der Zivilbevölkerung zu begehen.“[2] Das NS-Regime ging offensichtlich davon aus, dass sich prinzipiell jeder Deutsche zum Vollstrecker des Holocaust eignet – und sollte damit Recht behalten. Die Polizeibatallione und Wehrmachtsangehörige beteiligten sich umfassend am Völkermord: sie trieben Jüdinnen*Juden aus ihren Wohnungen, nahmen an Massenerschießungen Teil und deportierten ganze Gemeinden in die Vernichtungslager. Anhand dieser ganz gewöhnlichen Deutschen zeigt sich exemplarisch wie umfangreich der eliminatorische Antisemitismus in Deutschland verbreitet war und von der großen Mehrheit der Bevölkerung geteilt wurde.
Das dem NS-Antisemitismus zugrundeliegende kognitive Modell existierte dabei schon lange vor der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten, durchzog alle Klassen und Schichten und war ins kulturelle und politische Leben eingeschrieben.[3] Ausgehend vom christlichen Antijudaismus wurden dessen judenfeindlichen Vorstellungen im modernen Antisemitismus säkularisiert und mit Rassentheorien pseudowissenschaftlich angereichert. Seit seinem Aufkeimen konstituierte sich der deutsche Nationalismus in scharfer Abgrenzung zu den Jüdinnen*Juden, welche in diesem Denken als Antithese zur deutschen Staatlichkeit und den „Völkern“ im Allgemeinen sowie dem „deutschen Volk“ im Besonderen diametral entgegengesetzt als „Gegenrasse“ erschienen.
Beginnend mit der Gründerkrise in den 1870er Jahren, der Einwanderung sogenannter „Ostjuden“ aus Osteuropa und der Emanzipation der deutschen jüdischen Bevölkerung, der in der Reichsverfassung von 1871 erstmals die gleichen Bürgerrechte wie der nicht-jüdischen gewährt wurde, etablierte sich die völkische Bewegung, die einen rabiaten Antisemitismus zum Kernpunkt ihrer politischen Agitation machte und damit auch die damaligen konservativen Strömungen stark beeinflusste. Aktuelle Krisensymptome wurden auf die verdeckten Aktivitäten einer vermeintlichen jüdischen Verschwörung zurückgeführt.
Diese angebliche Verschwörung wurde auch in den kommenden Jahrzehnten für verschiedene politische Entwicklungen verantwortlich gemacht: für die Niederlage im Ersten Weltkrieg, für die Weltwirtschaftskrise 1929 oder für die Erfolge des Bolschewismus. Dem Nationalsozialismus, der in der Tradition dieser völkischen Bewegung stand, gelang es schließlich, an die Macht gewählt zu werden. Von Beginn an war dem NS-Antisemitismus die Vorstellung eines eschatologischen Endkampfes gegen die Jüdinnen*Juden inhärent. In Folge des Vernichtungskriegs gegen die Sowjetunion und der Eroberung weiter Teile Osteuropas hatten die Deutschen nun alle technischen und logistischen Mittel, um den Genozid an der jüdischen Bevölkerung zu verüben.
Die Shoa ist in der Geschichte der Menschheit bis heute singulär. Singulär, weil sie kein äußeres Ziel hatte. Der US-amerikanische Historiker Moishe Postone schrieb dazu: „Die Vernichtung der Juden war kein Mittel zu einem anderen Zweck. Sie wurden nicht aus militärischen Gründen ausgerottet oder um gewaltsam Land zu nehmen. […] Es ging auch nicht um die Auslöschung der potenziellen Widerstandskämpfer unter den Juden, mit dem Ziel den Rest als Heloten besser aus beuten zu können. […] Die Vernichtung der Juden mußte nicht nur total sein, sondern war sich selbst Zweck – Vernichtung um der Vernichtung Willen – ein Zweck, der absolute Priorität beanspruchte.“[4]
Singulär war auch der Wille, wirklich alle, die man für jüdisch hielt, zu töten: ob Kinder oder Senioren, ob Gesunde oder Kranke, ob Männer oder Frauen. Und nicht zuletzt war die Shoa auch singulär, weil der Nationalsozialismus sämtliche damals zur Verfügung stehenden Möglichkeiten an technischen Mitteln und bürokratischen Methoden nutzte. So wollte er die sogenannte „Endlösung“ möglichst lückenlos und reibungsfrei erreichen. Je nach Schätzung fielen ihr zwischen 5,6 oder 6,3 Millionen Jüdinnen und Juden zum Opfer.
Nach `45 verschwand der Antisemitismus keineswegs, vielmehr hat er seine Erscheinungsformen verändert und tritt heute in der Regel weniger offen auf. Er artikuliert sich beispielsweise in Verschwörungserzählungen der extremen Rechten vom „Kuturmarxismus“ oder dem „Großen Austausch“, aber auch Spektren übergreifend als Antizionismus, der mit dem Antisemitismus angeblich nichts zu tun habe.
Seit dem 07. Oktober 23, als palästinensische Terroristen – allen voran die Hamas, der Palästinensische Islamische Djihad und die PFLP – das größte Massaker an Jüdinnen*Juden seit der Shoa verübten, erleben wir eine Explosion des globalen Antisemitismus. Die schrecklichen Bilder des Pogroms riefen bei Antisemiten verschiedener Couleur Begeisterung hervor. So hängten beispielsweise die Dortmunder Neonazis ein Transparent aus dem Fenster auf dem in Anlehnung an den bekannten Spruch Heinrichs von Treitschke „Der Staat Israel ist unser Unglück“ zu lesen war.[5] Auf der Sonnenallee in Berlin verteilte die als links geltende und wegen Kontakten zu Terrororganisationen mittlerweile verbotene Organisation Samidoun Süßigkeiten zur Feier des Pogroms[6].
Andere leugneten die Verbrechen des 07. Oktobers, erklärten die sexuelle Gewalt durch die Hamas zur zionistischen „Besatzungspropaganda“[7] oder rechtfertigten die Taten als Akt der Dekolonialisierung.[8] Im antisemitischen Weltbild dürfen die Jüdinnen*Juden keine Opfer sein. Sie werden selbst für die antisemitischen Angriffe verantwortlich gemacht und ziehen deshalb erneut den Hass auf sich. „Am Zeichen, das Gewalt an ihnen hinterlassen hat, entzündet endlos sich Gewalt.“- schrieben Horkheimer und Adorno.[9]
Es soll hierbei nicht darum gehen, eine Position zum sogenannten Nahostkonflikt zu entwickeln oder das Leid der palästinensischen Bevölkerung zu negieren. Vielmehr wollen wir aufzeigen, dass der Hass auf die Jüdinnen*Juden – ob nun antisemitisch oder antizionistisch herausgebrüllt – keinesfalls bei der Verherrlichung von islamistischen Terrorbanden oder Vernichtungsdrohungen gegen Israel stehen bleibt. Im März letzten Jahres stach ein erst 15-jähriger IS-Anhänger einen Juden in Zürich auf offener Straße nieder und verletze ihn lebensgefährlich.[10] Einen Monat später verübte ein Terrorist, der mittlererweile festgenommen werden konnte, einen Brandanschlag auf die Synagoge in Oldenburg.[11] Und Anfang September gab ein mutmaßlicher Islamist mehrere Schüsse auf das Israelische Generalkonsulat und das NS-Doku-Zentrum in München ab.[12] Neben diesen brutalen Fällen sind es ebenso die vielen weniger öffentlichkeitswirksamen Vorfälle, die dazu führen, dass sich Juden in der Öffentlichkeit unsicher fühlen, lieber keine Kette mit Davidstern tragen oder besser nicht in die Schule oder Uni gehen wollen.
Anstatt sich also in Debatten darüber zu verlieren welcher der „schlimmere Antisemitismus“ sei oder gar unter dem Schlagwort „importierter Antisemitismus“ ausländerfeindliche Ressentiments anzuheizen, muss es einer antifaschistischen Linken darum gehen, jede Form des Antisemitismus schonungslos zu benennen und entschlossen zu bekämpfen. Es sollte stets das Ziel einer emanzipatorischen Linken sein, jüdisches leben zu schützen und sich für eine emanzipatorische Gesellschaft einzusetzen, in der Jüdinnen*Juden keine Angst haben müssen, sich als solche erkennbar zu geben.
[1] https://encyclopedia.ushmm.org/content/de/article/einsatzgruppen
[2] Goldhagen, Daniel Jonah: Hitlers willige Vollstrecker. Pantheon Ausgabe 2012,S.251
[3] Ebd. S.104
[4] Postone, Moishe: Antisemitismus und Nationalsozialismus in Ders.: Deutschland, die Linke und der Holocaust Freiburg 2005, S.177
[5] https://www.apabiz.de/2024/der-arabisch-israelische-konflikt-in-der-rechten-publizistik-teil-1/
[6] https://www.amadeu-antonio-stiftung.de/samidoun-tarnung-fuer-terror-106121/
[7] siehe exemplarisch ein Post der Gruppe „Frauenkampftag.SFO“, in dem auch von „Zivilisten/SETTLERS“ geschrieben wird: https://www.instagram.com/p/C0uZuvXskA0/?img_index=1
[8] https://www.jpost.com/international/article-776397
[9] Horkheimer/Adorno: Dialektik der Aufklärung, Frankfurt (a.M.) 2022, 26. Auflage, S.192
[12] https://www.tagesschau.de/inland/anschlagsversuch-muenchen-ermittlungen-100.html

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