„Israel begeht Organraub“: Wie das Protestcamp die antijüdische Ritualmordlegende in Szene setzt

Der Instagram-Kanal „University for Palestine“ postete am 18. August in seiner Story ein Bild von einer Installation auf dem Protestcamp, auf dem ein Transparent mit den Worten „Israel begeht Organraub“ zu sehen ist; vor diesem befindet sich auf einem Tisch die Puppe eines Säuglings, über den ein in rote Flüssigkeit getränktes Tuch mit einer Öffnung in der Mitte ausgebreitet ist; inszeniert wird hier die Situation einer operativen Organentnahme bei einem Baby:

Gerüchte vom illegalen Handel mit den Organen armer Menschen durch als reich und mächtig imaginierte Personen gehören seit längerem zum Inventar urbaner Mythen und werden seit geraumer Zeit auch pauschal auf Israel projiziert, obgleich tatsächlicher Organhandel im Nahen Osten von Angehörigen verschiedener Nationalitäten ausgeübt, jedoch von keiner einzigen Nation gezielt forciert wird.[1]

Bereits der Verband Jüdischer Studenten in Bayern (VJSB) hat auf Instagram diese Installation als „Neuinszenierung der antisemitischen Ritualmordlegende“ bezeichnet[2] – eine Einschätzung, der wir uns ausdrücklich anschließen. Laut dieser Legende, die im Hochmittelalter entstand, würden Jüdinnen*Juden Kinder ermorden, um bspw. aus ihrem Blut traditionelles jüdisches ungesäuertes Brot (Matzen) für ihr Pessach-Fest zuzubereiten, um es zu trinken, obwohl Blut im jüdischen Glauben als unrein gilt, oder um die Kinder ohne Umschweife zu verzehren.[3] Im Jahre 1285 wurde ein solcher Vorwurf auch gegen die jüdische Gemeinde Münchens erhoben, worauf ein Mob die Synagoge anzündete und rund 180 darin geflüchtete Jüdinnen*Juden tötete.[4]

Diese Legende wurde über Jahrhunderte hinweg vor allem im katholischen Raum konserviert. Ritualmordvorwürfe und damit zusammenhängende antijüdische Ausschreitungen gab es in Deutschland auch noch im 19. und frühen 20. Jahrhundert. Sogar der nationalsozialistische „Stürmer“ griff dieses Narrativ auf, berichtete regelmäßig über angebliche jüdische „Blutmorde“ und veröffentlichte in den Jahren 1926 und 1939 „Sonderausgaben“ zu diesem Thema.[5] Es handelt sich bei dieser Legende also um eine antisemitische Tradition, in die sich auch der Nationalsozialismus einreihte. Dabei erwies sich diese als ein christlich-abendländischer Exportschlager: Seit der sogenannten „Damaskus-Affäre“ 1840 wurde sie nämlich zunehmend im islamischen Raum rezipiert und wurde später Teil der antizionistischen Propaganda.[6]

Blutverschmierte Babypuppen sind nun schon länger Teil der öffentlichen propalästinensischen Selbstinszenierung in München[7], ebenso die Vorwürfe in Richtung Israel, gezielt Kinder zu töten („Kindermörder Israel“)[8]; mit Verweis auf tatsächliche minderjährige Opfer im aktuellen Gaza-Krieg wurde bisweilen auch von deutschen Gerichten entschieden, dass eine Assoziation zur antijüdischen Ritualmordlegende nicht zwingend sei[9]. Zur bewussten Bezugnahme auf diese Legende traute man sich bislang nur abseits der Öffentlichkeit wie in der WhatsApp-Gruppe von „Palästina Spricht München“, in der Karikaturen verbreitet wurden, auf denen z. B. der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu tote Babys verspeist und deren Blut trinkt[8]. Verglichen mit der bisherigen Performance stellt die Installation auf dem Protestcamp daher eine deutliche Verschärfung des öffentlich kommunizierten Antisemitismus dar, da der offene Bezug auf die Ritualmordlegende nun weder abseits der Öffentlichkeit in privaten Chatgruppen noch verklausuliert als Skandalisierung minderjähriger Kriegsopfer artikuliert wird, sondern schlicht als pauschaler Vorwurf an Jüdinnen*Juden und dem jüdischen Staat, Kinder gezielt zu töten, um an ihre Innereien zu gelangen. Die Verantwortlichen des Münchner Protestcamps integrieren damit vor den Augen der Öffentlichkeit ein zutiefst antisemitisches Narrativ in ihre politische Agitation, das in den letzten Jahrhunderten zahlreiche jüdische Opfer – auch in München – forderte und gerade vom Nationalsozialismus dankbar aufgegriffen wurde.

[1] https://www.hagalil.com/2010/02/organraub/, zuletzt aufgerufen am 19.08.2024.

[2] https://www.instagram.com/p/C-02e_5ChYs/?igsh=MWVsaXMweXFqZWNzaQ%3D%3D&img_index=2, zuletzt aufgerufen am 19.08.2024.

[3] Zum historischen Ursprung und Hintergrund der antijüdischen Ritualmordlegende vgl. Carlo Ginzburg, Hexensabbat. Entzifferung einer nächtlichen Geschichte. Berlin 2005, S. 90-100; Johannes Heil, „Gottesfeinde“ – „Menschenfeinde“: die Vorstellung von jüdischer Weltverschwörung. 13. bis 16. Jahrhundert. Antisemitismus: Geschichte und Strukturen 3. Essen 2006, S. 225-236.

[4] Vgl. https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Judentum_in_Altbayern_(bis_1800)#:~:text=Bereits%20im%20Jahr%201285%20wurde,get%C3%B6tet%20und%20sein%20Blut%20getrunken., https://www.br.de/themen/religion/muenchen-juedisches-zentrum-geschichte-mittelalter100.html, jeweils zuletzt aufgerufen am 19.08.2024.

[5] Stefan Rohrbacher/Michael Schmidt, Judenbilder. Kulturgeschichte antijüdischer Mythen und antisemitischer Vorurteile. Reinbek 1991, S. 304-359.

[6] Tilman Tarach, Teuflische Allmacht. Über die verleugneten christlichen Wurzeln des modernen Antisemitismus und Antizionismus. Berlin/Freiburg 2022, 157-159.

[7] Vgl. https://www.sueddeutsche.de/muenchen/muenchen-lmu-pro-palaestina-camp-existenzrecht-israels-geleugnet-1.7263490, zuletzt aufgerufen am 19.08.2024.

[8] https://www.feierwerk.de/fileadmin/firm/Analysen___Recherchen/Feierwerk_firm__Analyse_Palaestina_spricht_2024.pdf, S. 11, zuletzt aufgerufen am 19.08.2024.

[9] https://taz.de/Gericht-urteilt-ueber-Palaestina-Demos/!6008026/, zuletzt aufgerufen am 19.08.2024.

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