FAQ

F:  Was genau ist Antisemitismus überhaupt?
A: Das ist eine Frage, die nicht abschließend und in wenigen Worten zu beantworten ist, zumal es eine breite wissenschaftliche Antisemitismusforschung gibt, die sich damit auseinandersetzt und unterschiedliche Schwerpunkte setzt. Der Begriff ist politisch umkämpft und ebenso wie der damit bezeichnete Gegenstand historischer Wandlungen unterworfen. So grassiert in Deutschland und Österreich der „sekundäre Antisemitismus“, auch „Schuldabwehrantisemitismus“ genannt, der daraus besteht, die historische Schuld Deutschlands an der Shoa zu relativieren oder Jüdinnen*Juden vorzuwerfen, Kapital daraus zu schlagen und Deutschland damit zu erpressen – und damit eine Spielart des Antisemitismus darstellt, die die historischen Bedingungen nach (!) dem Zweiten Weltkrieg hervorgebracht haben.
Besonders umstritten ist darüber hinaus das Verhältnis zwischen Antisemitismus und Rassismus und damit die Fragen: Ist der Antisemitismus ein antijüdischer Rassismus? Oder ist es ein eigenständiges Phänomen, das sich nur in bestimmten Kontexten rassistischer Begriffe und Argumente bedient?
Je nach Definition wird Antisemitismus demnach pauschal als Vorurteil gegen Jüdinnen*Juden verstanden oder auch als ein Ressentiment gegen die kapitalistisch und nationalstaatlich organisierte Moderne, deren Widersprüche auf Jüdinnen*Juden projiziert werden.
Von Bedeutung ist auch, dass sich Antisemitismus nicht notwendigerweise pauschal gegen alle Jüdinnen*Juden richten muss. Das zeigt der israelbezogene Antisemitismus, der sich unter dem Deckmantel des Antizionismus an Israel abarbeitet und bisweilen jahrhundertealte antisemitische Bilder, Argumente und Begriffe auf den jüdischen Staat projiziert; aber auch die Anwendung solcher Stereotype auf jüdische Einzelpersonen wie George Soros. Darüber hinaus existiert der Begriff des „strukturellen Antisemitismus“, womit die Anwendung klassisch antisemitischer Stereotype auf Nichtjüdinnen und Nichtjuden gemeint ist; ein Beispiel wäre die Anwendung der Krake, die u. a. in der NS-Zeitung „Der Stürmer“ als Symbol für das Weltjudentum fungierte, auf TTIP oder die USA. Gemeint ist damit also das Fortleben des klassischen Antisemitismus, ohne dezidiert von Jüdinnen*Juden zu reden.
Allerdings ist es auch unser Anliegen als Bündnis, Fragen der Definition, Antisemitismustheorien und Ergebnisse der Antisemitismusforschung einer breiteren Öffentlichkeit nahezubringen, sie mit ihr zu diskutieren und auch uns selbst gemeinsam mit ihr dafür weiter zu sensibilisieren.
 
F: Ihr sprecht von Israel und Kapitalismus. Darf man beides denn nicht kritisieren?

A: Kritisieren darf man alles, weil wir in einem Rechtsstaat leben, in dem die Meinungsfreiheit eines jeden Menschen zu den Grundrechten gehört. Wir selbst verstehen uns dezidiert als Kritiker*innen des Kapitalismus und reaktionärer Regierungen. Wir möchten unsere Mitmenschen jedoch dafür sensibilisieren, dass es einen Unterschied zwischen Kritik und Ressentiment gibt. Es gibt beispielsweise Formen differenzierter und reflektierter Kritik am Kapital als nicht-persönlichem gesellschaftlichem Herrschaftsverhältnis, wie auch wir sie vertreten, und eine von Gefühlen geleitete Abneigung gegen selbiges, ohne seine systemischen Bedingungen verstanden zu haben – was mit der Personalisierung des Kapitalverhältnisses einhergeht. Eine solche Abneigung wird dann auch als regressiver Antikapitalismus bezeichnet und endet häufig (wenn auch nicht notwendigerweise) im Antisemitismus. Zudem ist es selbstverständlich legitim, Kritik an der israelischen Regierung zu äußern. Doch die oft praktizierte Delegitimierung, Dämonisierung und Verwendung von Doppelstandards überschreitet die Grenze zum Antisemitismus ebenso häufig wie der Aufruf zum Boykott.

F: Ihr sprecht von Antisemitismus in der Linken. Ist es denn da nicht Konsens, sich gegen Antisemitismus zu positionieren?
A: Prinzipiell ist es Grundkonsens in linken Kreisen, sich gegen Antisemitismus auszusprechen. Da Antisemitismus jedoch nicht nur als pauschale Anfeindung von Jüdinnen*Juden zu verstehen ist, sondern sich unterschiedlichster Mechanismen und Projektionen bedient, finden sich subtilere Formen des Antisemitismus beispielsweise in Teilen antiimperialistischer Strömungen in Form einer „Kritik“ am Finanzkapital oder an Israel, wenn klassische antisemitische Stereotype wiederverwertet werden: beispielsweise wenn von einer zionistischen statt von einer jüdischen Weltverschwörung die Rede ist.
 
F: Was versteht ihr darunter, Linke zu sein?
A: Wir selbst verstehen darunter eine antifaschistische, antirassistische, kapitalismuskritische und feministische Grundhaltung. Unser Ziel ist es, Linke aus unterschiedlichen Strömungen wie Sozialdemokrat*innen, Anarchist*innen oder Kommunist*innen in unserem Bündnis zu versammeln, die diesen Grundkonsens ebenso teilen wie die Entschlossenheit, Antisemitismus zu bekämpfen. Was dann im einzelnen unter Faschismus, Rassismus, Sexismus oder Kapitalismus verstanden wird, steht nicht in Rahmen unseres Bündnisses zur Debatte, da wir uns eben auf Antisemitismus fokussieren.
 
F: Wer ist alles Teil eures Bündnisses?
A: Bislang die Grüne Jugend München, die linksjugend [‘solid] München, die DGB-Jugend München, die Emanzipatorische Linke München sowie das Antifaschismus Referat der LMU. Grundsätzlich stehen wir aber weiteren (nicht nur parteinahen) Gruppen, ebenso auch Einzelpersonen offen. Voraussetzung ist eine linke Positionierung, also gegen Faschismus, Rassismus, Sexismus und Kapitalismus (und Antisemitismus natürlich …).
 
F: Arbeitet ihr auch mit Nichtlinken gegen Antisemitismus zusammen?
A: Eine Zusammenarbeit mit Liberalen und Konservativen wollen wir nicht grundsätzlich ausschließen, wenn es uns sinnvoll und ihre Haltung gegen Antisemitismus uns glaubwürdig erscheint. Allerdings wollen wir ein linkes Bündnis bleiben. Was wir kategorisch ausschließen ist eine Zusammenarbeit mit Rechten aller Couleur, egal wie israelsolidarisch sie sich inszenieren.
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